2 Jahre Elternzeit – eine persönliche Bilanz

Als ich mich vor den Sommerferien im Jahr 2014 im 7. Monat schwanger vorläufig in den Mutterschutz und dann in die Elternzeit verabschiedete, kamen mir die beantragten 2 Jahre wie eine unendlich lange Zeit vor. Nun sind sie fast vorüber, und ich ziehe eine persönliche Bilanz über eine Zeit, die geprägt war von kleineren und größeren Umbrüchen, aber auch von einigen Aufbrüchen. 

Loslassen und Ankommen

Der Weg in das Zweifachmutterdasein begann mit einem Spaziergang im Nebel. In einer kühlen Novembernacht wurden wir im Anschluss vor dem lodernden Kamin mit einer wundervollen Hausgeburt und der Ankunft unseres Sohnes beschenkt. Auch im Rückblick – noch immer ein einzigartiges, ein unaustauschbares Erlebnis. Trotz der Erfahrungen mit der Tochter fühlte ich mich in den ersten Wochen sehr unsicher: der Babysohn schlief nur am Körper, zeigte Schwierigkeiten, die in Hülle und Fülle fließende Milch zu tolerieren, quittierte dies lautstark und strapazierte das familiäre Nervenkostüm. Von den perforierten Nächten – die bis heute geblieben sind – ganz zu schweigen.

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Bildnachweis: Holgers Fotografie pixabay,com

In dieser Verfassung am Nachmittag zwei Kinder mit unterschiedlichen Bedürfnissen zu betreuen, schien mir anfangs ein Ding der Unmöglichkeit. Außerdem fühlte ich mich gewarnt durch Erzählungen von Freundinnen über den „Enthronisierungsprozess“ der älteren Geschwisterkinder. Hier nah bei der Tochter zu sein und auch versteckte Bedürfnisse zu erspüren, hat mich viel Kraft gekostet. Dennoch war es ein ausgesprochen spannender Prozess zu erleben, wie aus dem „Einzelkind“ allmählich die ältere Schwester wurde.

In dieser Phase bis weit in das Frühjahr 2015 hinein habe ich mich ausschließlich dem Muttersein gewidmet. Arbeit und Schule kamen in meiner Gedankenwelt nicht vor. Für den Kartengruß an das Kollegium musste ich mich sogar überwinden. Der Konflikt mit der Schulleitung, den ich mir vor meinem Abschied gegönnt hatte, ist in die Verdrängung gerutscht. Egal. Ich war jetzt Mutter von zwei entzückenden Kindern. Der Alltag schüttelte sich zurecht. Und inzwischen reichten die Ressourcen auch wieder, um Pläne zu schmieden. Große Pläne.

5 Wochen mit dem Wohnmobil von Berlin nach Dubrovnik

Anfang Mai erfüllten wir uns einen kleinen großen Traum – 5 Wochen mit dem Wohnmobil durch Kroatien. Zwei Erwachsene, ein Kindergartenkind, ein Baby, 3 Fahrräder, 10 Hörspiele, 1 Tiptoi-Buch u.v.a.m. Ich kann an dieser Stelle abkürzen: Es war hervorragend! Die Eindrücke und gemeinsamen Erlebnisse, die Aufregungen, die Überraschungen, die intensiv verbrachte Zeit als Familie, das Unterwegs sein. Einfach Alles. Ich wünsche jeder Familie eine solche Erfahrung und weiß gleichzeitig, dass wir an dieser Stelle im buchstäblichen und übertragenen Sinne reich beschenkt wurden. 

Die Reise funktionierte vor allem deshalb so gut, weil wir schnell realisierten, auf Augenhöhe der Kinder zu reisen. Kinder meint insbesondere unsere damals 4jährige Tochter, die mit ihrem Kindergartenhorizont ganz andere Bedürfnisse an Städtetrips und Autofahren hatte als wir. Das bedeutet, dass wir kleine Streckenabschnitte wählten, mindestens 2-3 Tage an einem Ort verweilten und genügend Zeit zum Nichtstun bzw. Spielen einplanten. Die Bedürfnisse des Sohnes (6 Monate) konnte ich mit Tragetuch und Stillen gut befriedigen. 

Unsere Route nach Kroatien führte uns über Prag – mit Besuch eines lieben Freundes und Familie, anschließend nach Wien, das wir wunderbar mit dem Fahrrad erkundeten und schließlich nach Slowenien zur größten Tropfsteinhöhle Europas.

Auf Istrien blieben wir eine Woche und erfreuten uns an dem türkisenen Blau der Adria, den roten Dächern von Rovinj, der Arena von Pula und vor allem daran, dass wir den Luxus der Vorsaison nutzen konnten. Dieses Festgelegt sein auf die Ferien ist mir in diesen Wochen schmerzlich bewusst geworden.

Als wir uns zu dem Nationalpark Plitvicer Seen ins Landesinnere auf den Weg machten, konnten wir sie sehen, auch 20 Jahre nach Zusammenbruch des Staates Jugoslawien – die Spuren des Krieges als Einschusslöcher an Häusern. Ein Eindruck, der sich später mit dem Abstecher nach Bosnien und Herzegowina noch einmal verstärken sollte. Das Weltkulturerbe Plitvicer Seen darf allerdings zu Recht als „Paradies auf Erden“ für Wasserfälle bezeichnet werden. Wir verlebten einen wunderschönen Tag und waren mächtig stolz auf die wacker laufende Tochter. Ein Besuch in der Hauptferienzeit kann ich aber nicht guten Gewissens empfehlen. Bereits im Mai empfand ich das Menschenaufkommen auf den mitunter schmalen Pfaden und Stegen grenzwertig. Nichtsdestotrotz, die Vielzahl der Wasserfälle, das Farbenspiel, die Natur – sie lohnen wirklich!

Was bleibt noch hängen von 5 Wochen Wohnmobilreise? Zum Beispiel, dass wir auf der Insel Brac ein richtiges Freiheitsgefühl spürten, als wir das einzige Mal „wild gecampt“ haben. In einem kleinen Dorf die Kirche im Rücken die Adria vor der Nase – da war er der Wunsch, die Zeit dürfe ruhig stehen bleiben. 

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An Dubrovnik haben wir schöne Erinnerungen an den Mauerwalk über der Altstadt, als wir vor einem Gewitter davon liefen, und es gleichsam sehnsüchtig erwarteten. Die Temperaturen Ende Mai waren nämlich bereits auf unerträgliche 30 Grad und mehr gestiegen. Gleichwohl beschlossen wir nach 2 Tagen Tourismusmodus Dubrovnik zu verlassen und ungeplanter weise Mostar in Bosnien und Herzegowina zu besuchen. 

Dieser Abstecher wurde zum absoluten Highlight unserer Reise, was an den Begegnungen mit den Menschen und dem weniger westlich geprägten Land lag. Dort, wo wir wenige Kilometer zuvor noch prächtige Kirchen besichtigten, ragten nun Minarette in den Himmel. Das Straßenbild zeigte ein ärmliches Land, dass kein Geld hat, die Spuren des Krieges zu beseitigen. Einzigartig war der Besuch deshalb, weil wir Fremdheits- und Willkommenserfahrungen zugleich erlebten. Die fremde Sprache, die islamische Kultur, die Armut – sie erzeugten Gefühle der Unsicherheit. Und gleichzeitig wurden wir auf dem privaten Campingplatz so herzlich empfangen, mit Gaben aus dem Garten und „Selbstgebranntem“ verwöhnt. Das hatte eine Ambivalenz, die wir nicht erwartet hatten. Und Mostar bei untergehender Sonne bleibt uns unvergesslich.

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Aus Sicht der Tochter war diese Reise dahingehend ein Gewinn, weil sie im Verlaufe der Fahrt ein Verständnis dafür entwickelt hatte, dass es unterschiedliche Länder mit entsprechenden (Haupt)Städten gibt, in denen die Menschen verschiedene Sprachen sprechen. Gleichzeitig sahen wir, dass Kinder sich letztlich auch ohne gemeinsame Sprache verständigen können. Erst nach und nach wurde mir durch beiläufige Bemerkungen klar, wieviel sie durch die Reise gelernt hatte. Reisen bildet eben doch!

 Unbeschwerte Zwischenzeit

Zwischen Sommer und Herbst 2015 folgt eine unbeschwerte Zwischenzeit. Wir feiern „Sommerabschied“ auf dem Darss. Der Sohn erweitert krabbelnd seine Umwelt, ist neugierig und offen zu seinen Mitmenschen. Die Zeit der großen Schlafprobleme scheint vorbei. Für freuen uns über sein Gedeihen. Für die Tochter beginnt das letzte Kitajahr. Ich melde sie an der hiesigen Grundschule an und ärgere mich über die schulärztliche Untersuchung, über die ich an dieser Stelle bereits berichtet habe. Mit jedem Tag gewinne ich mehr Sicherheit, dass der Übergang zur Schule im nächsten Sommer für sie genau richtig sein wird. Ich bin zuversichtlich in vielerlei Hinsicht. Unbeschwert ist die Zeit auch deshalb, weil spürbar ist, dass ich angekommen bin im Doppelmuttidasein. Und gleichzeitig noch eine gefühlte Ewigkeit – fast ein ganzes Schuljahr – Elternzeit vor mir liegt. Nur kurz lasse ich den leisen Zweifel zu, ob mir nicht eventuell doch langweilig werden könnte so ganz ohne Erwerbstätigkeit. Das Gegenteil ist der Fall!

Aufbruch in neue berufliche Perspektiven

Im November 2015 – zeitgleich mit dem 1. Geburtstag des Sohnes – beginne ich eine Mediationsausbildung. Ich verfolge damit keinen konkreten Plan, allenfalls ein kleines Plänchen, was eher eine Hoffnung ist, mit den neu erlernten Kompetenzen, auch meine berufliche Situation um eine Perspektive zu erweitern. Hauptmotivation für die, gelinde gesprochen, nicht preiswerte Ausbildung ist der Wunsch, mich im Umgang mit Konflikten zu professionalisieren. Im Schulalltag erlebe ich auf den verschiedensten Hierarchieebenen diverse Konflikte, die aus meiner Sicht mit Hilfe einer guten Kommunikation und ein paar Mediationstechniken durchaus auflösbar bzw. bearbeitbar wären.

Natürlich – und das ist der eigentliche Gewinn dieser Ausbildung – lerne ich viel über mich und mein eigenes Konfliktverhalten. Dies in einem geschützten Rahmen zu reflektieren, empfinde ich als sehr wertvoll. Nach wenigen Modulen hat sich bereits meine Sprache verändert: ich versuche präzise zu formulieren, Vorwürfe zu vermeiden, eigene Gefühle und dahinterstehende Bedürfnisse zu erkennen und entsprechend zu verbalisieren. Das hat dazu geführt, dass ich mit meinen Kindern zusammen nun eine neue Sprache erlerne – die Sprache der Wertschätzenden Kommunikation.

Der zweite größere Aufbruch, den ich derzeit erlebe, ist die Auseinandersetzung mit dem was im Internet unter #DigitalesLernen oder #LernenunterdigitalenBedingungen verhandelt wird. Ich habe dazu mein bereits 2013 angelegtes Twitter-Account reanimiert. Ich lese zunächst passiv mit, beginne nach und nach Sterne zu verteilen und gehe über zu ersten Kommentaren und später zu eigenen Statusmeldungen. Ich trete in Austausch mit anderen Leher_innen, die sich auf dem Feld des „digitalen Lernens“ engagieren. Ich lerne, was eine PLE ist und begreife die Plausibilität, dies auch für mich zu nutzen. 

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Irgendwann treffe ich auf den #edchatde und kann mich noch an jenen Rausch erinnern, als ich das erste Mal daran teilgenommen habe. So viel Input innerhalb kurzer Zeit von i. w. S. gleichgesinnten Kollegen_innen. Das verleiht mir große Motivation und bewirkt, dass ich mich an meiner Schule tatsächlich um das Amt einer „Medienklassenlehrerin“ bewerbe. Ich habe große Lust, mein rudimentäres Wissen a) zu erweitern und b) in den Lehr-Lernprozess einzubringen. Von den politischen Implikationen, die mit der Digitalisierung der Gesellschaft einhergehen, lasse ich mich zuletzt beim Verfolgen der re:publika überzeugen. Mir ist schleierhaft, wie ich dieses Thema so lange ignorieren konnte. 

Schließlich beginne ich diesen Blog. Ich überwinde meine Hemmungen, persönliche Gedanken ins Internet zu fabulieren. Ich verfasse Artikel, die mir schon lange auf der Seele lagen, z.B. über mein Verständnis vom Lehrberuf. Ich erlebe dieses „Spannungsgefühl“, das erste Mal auf den Button „Veröffentlichen“ zu drücken. Zack. Die Gedanken sind runter von meiner gedanklichen Festplatte, und ich kann sie jederzeit nachlesen. Andere können das auch. Gut so! Auch hier habe ich keinen festen Plan, wohin mich diese Reise führt. Ich lasse mich überraschen. In jedem Fall bin ich aufgebrochen in dieses #Neuland. Und das ist momentan für mich sehr stimmig.

Gleichzeitig habe ich in meiner kurzen Online-Präsenz einiges über Social Media gelernt. Ich habe unschöne Twitterdiskussionen verfolgt, bin einem Troll begegnet, wurde selber bereits geblockt usw. Ich fühle mich gewarnt auch vor dem Phänomen der digitalen Erschöpfung, möchte behutsam die FilterBubble wachsen lassen und zu einer gesunden Selbstregulation kommen. Auch darüber werde ich öffentlich nachdenken. 

Zusammengefasst dienen diese Aufbrüche in neue berufliche Perspektiven vor allem dazu, meine Begeisterung für den Lehrberuf neu zu justieren und ein Stück weit zu rehabilitieren. Ich möchte mein Arbeiten an der Schule wieder mehr zu meinem eigenen machen, mich lösen von der Übermacht der Ausführungsvorschriften. Ich möchte im Rahmen meiner Möglichkeiten mich einbringen und gestalten. Diese mit Leben erfüllte Erkenntnis war aus beruflicher Sicht der eigentliche Mehrwert meiner Elternzeit.

2 Jahre Elternzeit – I would do it again – in jeglicher Hinsicht!

 

 

 

 

 

 

 

 

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