Auf ein Bier mit dem Stress – Blogparade „Stress im Job“

Dies ist ein Beitrag im Rahmen einer Blogparade zum Thema Stress im Job, die von  Herrn Mess initiiert und speziell unter Lehrenden veranstaltet wird. Der Text handelt vom Berufsalltag in der Schule, könnte in seinem Grundgedanken aber auch auf andere Branchen übertragen werden. Es geht um ein Plädoyer für einen offensiveren Umgang mit stressigen Zeiten.

Unter den vielen Beiträgen, die zu diesem Thema von Lehrenden eingegangen sind, habe ich zahlreiche Tipps und Hinweise zur Stressreduktion gelesen. Bei vielen Maßnahmen habe ich innerlich genickt, andere auf meine „das probiere ich auch einmal aus – Liste“ gesetzt. Insgesamt wurde mir einmal mehr klar – so wie es in einigen Beiträgen auch benannt wurde – dass Stress ausgesprochen subjektiv und je nach Lebensphase unterschiedlich empfunden wird. 

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Bildnachweis: geralt pixabay.com

Beim Lesen der Artikel beschlich mich allerdings ein ambivalentes Gefühl, das ich hiermit etwas breiter darlegen möchte. Alle Texte zielen – ganz im Sinne der Blogparade – auf Stressvermeidung, indem sie Methoden zur Optimierung der Arbeitsweise preisen. Bei mir entstand der Eindruck, dass es ausschließlich an einem selbst liege, den erlebten Stress auf ein aushaltbares Maß zu reduzieren. Als müsse jede oder jeder sich nur genug Mühe geben, um der Arbeitsbelastung nicht zu erliegen. Selbstverständlich ist es schon aus lebenspragmatischen Gründen sinnvoll, sich gut zu organisieren und verantwortungsbewusst mit seinen Ressourcen umzugehen. Dennoch ist die Stoßrichtung der meisten Beiträge für mich ein Ausdruck dafür, wie sehr wir die Leistungsgesellschaft bereits internalisiert haben.

Ich meine, es macht Sinn – auch und gerade bei diesem Thema –  sich klar zu machen, dass etliche Stressfaktoren strukturell bedingt sind. Ich denke an die sukzessive Erhöhung der Arbeitszeit, die Größe der Lerngruppen, die Schulreformen (G8) oder die in der Sache völlig richtige, aber zum Nulltarif eingeführte Inklusion. Zweifelsohne darf auch von Lehrenden, ebenso wie von anderen Berufsbranchen erwartet werden, dass sie auf verändernde Bedingungen flexibel reagieren und Anpassungsstrategien entwickeln. Dennoch ist es in meinen Augen nur verständlich, wenn unter den o.g. Arbeitsbedingungen, die Stresswahrnehmung steigt und sich in zunehmenden Burnout-Erkrankungen niederschlägt. 

Ich plädiere in diesem Zusammenhang dafür, diesen Arbeitsbedingungen nicht ausschließlich mit Optimierungsmaßnahmen zu begegnen, sondern eben auch sichtbar zu machen und an geeigneter Stelle zu kritisieren. Ein solches Vorgehen ist meines Erachtens kein Jammern, sondern ein sensibler Umgang mit dem Thema „Berufsgesundheit“. 

Frage nach dem Woher?

Ich frage mich außerdem, woher es kommt, dass viele Kollegen_innen diese oder jene Phase im Schuljahr oder im Laufe einer Arbeitsbiographie als stressig empfinden. Woher kommt es, dass das Thema Stressbewältigung gerade jetzt Eingang in den #edchatde findet. Mit Blick auf meine eigene Arbeitstätigkeit habe ich bei mir und bei Kollegen_innen, die zu meiner Zeit in das Berufsleben einstiegen (2007), folgende Beobachtung gemacht. Viele junge Lehrer_innen starten nach der Erleichterung des Referendariats sehr motiviert in den Arbeitsalltag, engagieren sich in verschiedenen Bereichen, hinterlassen Spuren. Nach etwa 5 Jahre setzt eine gewisse Sättigung ein. Erste Enttäuschungen gegenüber der Beharrlichkeit des Systems Schule brechen sich Bahn. Konflikte mit verschiedenen Akteuren der Schule nehmen zu, wollen bearbeitet oder gelöst werden. Die Erkenntnis über fehlende Entwicklungsmöglichkeiten im Schuldienst tut ihr Übriges. Dazu kommt die fehlende (monetäre) Anerkennung für schulisches und außerschulisches Engagement. In einer solchen Phase – so nehme ich an – werden Arbeitsbelastungen anders wahrgenommen. Dinge, die früher leicht von der Hand gingen, bedürfen nun erheblicher Anstrengung und zusätzlicher Motivation.

Ich habe die erste Phase meines Berufslebens so erlebt und war sehr froh, dass ich mit der Geburt meines Sohnes (2014) eine Auszeit vom Job nehmen und die letzten Jahre reflektieren konnte. Die zweijährige Elternzeit habe ich neben den Wunderbarkeiten, die mir durch die Vergrößerung der Familie passierten, auch für eine berufliche Neu-Orientierung genutzt. Über meine Aufbrüche und neu gewonnene Motivation für den Lehrberuf habe ich an dieser Stelle ausführlicher geschrieben.

Stress macht Sinn

So anstrengend und nervig stressige Zeiten auch sind: Ich bin davon überzeugt, dass sie einen Sinn haben. Denn Stress und seine Symptome (Grübelei, Schlafschwierigkeiten, Gereiztheit) zeigen, dass etwas nicht in Ordnung ist. Sie sind Indikatoren dafür, dass elementare Bedürfnisse nicht erfüllt werden. Deshalb gewöhne ich mir gerade an zu fragen, woher kommt meine schlechte Laune, meine Ungeduld gegenüber den Unterricht störenden Schüler_innen. Woher kommt es, dass ich das laute Toben der Kinder heute nicht aushalten mag. Die hinter den Stimmungen verborgenen unerfüllten Bedürfnisse, z.B. nach Ruhe, nach mehr Aufmerksamkeit, nach Anerkennung von Kollegen_innen sind in meinen Augen ein wesentlicher Punkt für eine nachhaltige Stressbewältigung. Insgesamt geht es darum mit sich selbst und anderen achtsam zu sein. Für diesen Denkansatz zum Umgang mit Stress habe ich viele gute Hinweise einer Mediationskollegin erhalten, die speziell zum Thema „Berufsgesundheit“ beratend arbeitet. Bereits die Fragen ihrer aktuellen Umfrage sind sehr aufschlussreich und bewirken Aha-Effekte.

Rollensouveränität

Ein achtsamer Umgang mit sich selbst bedeutet auch anzuerkennen, dass man verschiedene Rollen einnimmt. So bin ich im Laufe eines Tages nicht nur die Sport-/Geschichts- oder Politiklehrerin, sondern eben auch Kollegin, Mutter, Verlobte, Freundin, Nachbarin usw. Alle Rollen gleichsam souverän auszufüllen, ist mitunter eine große Herausforderung. Es hat Auswirkungen auf meine Performance als Lehrerin, wenn ich als Mutter nachts das spuckende Kind betreut habe. Wenn ich in einem Konflikt mit meinem Partner stehe, bin ich möglicherweise für Dienstanweisungen von meinen Schulleiter nicht gut empfänglich. Hier Klarheit zu haben und Güte gegenüber sich selbst zu entwickeln, hat mir sehr geholfen, die Anforderungen in meinem Berufs- und Privatleben zu meistern. 

Auf ein Bier mit dem Stress

Es gehört wohl zu den „Gewissheiten“, dass sich die Anforderungen in der Lebensphase zwischen 30 bis 50 – der Rush hour des Lebens – bündeln und diese besonders als Stress wahrgenommen werden. Neben den vielen Optimierungsmaßnahmen habe ich mir vorgenommen, den Stress nicht jedes Mal wegzuschicken, wenn er doch so gerne zu mir kommt, sondern ihn zum Bleiben zu motivieren. 

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„Wenn Du schon mal da bist, lieber Stress: Ich will mit Dir reden! Willste ein Bier?

 

 

 

 

 

 

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Guest

6 Kommentare zu “Auf ein Bier mit dem Stress – Blogparade „Stress im Job“

  1. mir gefällt Deine Beobachtung sehr gut, dass die meisten Strategien zur Stressbewältigung beim Einzelnen ansetzen und das ist eben eine Verkürzung der Tatsachen. Ich habe nach 20 Arbeitsjahren sicherlich eine sehr effiziente und gut organisierte Arbeitshaltung entwickelt. Stetig suche ich nach Möglichkeiten die Abläufe zu verbessern, suche Unterstützung, werbe um Teambildung, etc.
    Das Ende vom Lied: ich bekomme immer mehr Arbeit dazu, weil ich die Sachen wohl in der Regel gut mache. Und wie immer ich die Sache auch hin und her wälze, ich lande meist bei der einfachen Formel: „Change it, love it or leave it.“ In diesem Rat steckt auch eine Ordnung: 1. Versuche alles, um Dir selbst zu helfen bzw. die belastende Situation zu ändern. Rede über Deine Belastungen mit den Vorgesetzten, aber jammer nicht andauernd in aller Öffentlichkeit. 2. „Trink ein Bierchen mit dem Stress!“ Phasen der Anstrengung sind ganz normal und alles was einen Anfang hat, wird auch ein Ende haben. Arbeit ist vergleichbar mit einem Marathonlauf. Viel kann passieren, die Grenze zwischen Quälerei und Euphorie ist fließend und Durchhalten ist das Ziel. 3. Wenn es dennoch nicht mehr geht und die Quälerei Dich zu Boden drückt, dann steh auf und geh weg. Es ist besser ganz neu zu starten als am Boden zu liegen.
    Ach ja, Stress hilft immer in Kontakt zu seinen eigenen Befindlichkeiten zu kommen. Er ist so etwas wie mein Pulsmesser beim Radfahren oder laufen. Der rote Bereich, darf nicht zu lange anhalten. Stress ist ein Warnsignal. In der Hektik des Alltags braucht es solche Signale, sonst geht man leicht verloren.
    Chee­rio Miss @Lernbegleiterin

    • Sehr schöne Bilder, die Du benutzt, um zu verstärken, was ich meine. Das mit dem Pulsmesser gefällt mir besonders gut. Ich danke Dir für Deinen schönen Kommentar! In diesem Sinne – Cheerio!

  2. Hallo Lernbegleiterin! Ich finde deine Analyse „Denn Stress und seine Symptome (Grübelei, Schlafschwierigkeiten, Gereiztheit) zeigen, dass etwas nicht in Ordnung ist. Sie sind Indikatoren dafür, dass elementare Bedürfnisse nicht erfüllt werden.“ sehr gelungen!

    Der sensible Umgang mit Stress und der (Lehrer)gesundheit im Allgemeinen wird ja oft (von außen) belächelt, sollte aber zumindest von uns selbst besser eingeübt werden 😉

    Danke für diesen tollen Beitrag!

    • Ja, ich werde von meinem Kollegium hin und wieder in die Esoterik-Ecke gestellt, wenn ich von Berufsgesundheit und Achtsamkeit spreche. Dabei spüre ich auch dieses „Lächeln“, dass aber tatsächlich bedeutet, dass etwas dran ist an meiner Sichtweise. Vielen Dank für Dein Feedback.

  3. Pingback: Blogparade: Nur kein Stress! | Herr Mess

  4. Danke für den doch recht optimistischen Text. Ich finde, es ist Dir sehr gut gelungen die Situation zu beschreiben und auch die Chancen zu erkennen, die in solchen scheinbar ausweglosen Situationen liegen – zumindest empfinden die Gestressten ihre Lage meist als ausweglos oder nicht lösbar. Aber gerade in der Analyse und Auseinandersetzung mit dem Stress liegt auch der Ausweg. Ja, es darf gemeckert werden, wenn etwas nicht läuft. Ja, man darf sich schlecht fühlen und sich aufregen in bestimmten Situationen. Aber am Ende muss eine Änderung stehen: 1. Bedingungen, also Situation ändern, 2. Die eigene Reaktion/Verhalten ändern oder 3. Ignorieren. Wobei 3. aber so verstanden werden soll, als die gegebenen, nicht änderbaren Umständen akzeptieren, d.h. abfinden und damit umgehen oder selbst das Terrain verlassen, wenn man nicht damit umgehen kann oder will. Am Ende also in jedem Fall eine Lösung, die bringt immer einen positiven Effekt. Denn es ist das Abschiedsbier mit dem Stress-Problem. Prost!

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