„Bilder im Kopf“ – Über Schuleingangsuntersuchungen, Schülerakten und den bilderlosen Blick

In diesen Tagen steht der Termin zur schulärztlichen Untersuchung der Tochter ins Haus. Hierbei soll „der Entwicklungsstand des Kindes festgestellt und gemeinsam über notwendige Hilfen und mögliche Förderungen beraten werden, wenn das nötig sein sollte.“ Obwohl ich zuversichtlich bin, dass auch aus schulärztlicher Sicht der Übergang unserer Tochter von Kita in die Schule befürwortet wird, habe ich den Mann gebeten, sie zu diesem Termin zu begleiten. 

Formular_2

Mein Unbehagen gegenüber derartigen Untersuchungen liegt darin, dass ich diese künstliche Situation – auch wenn sie im Anschreiben anders annonciert ist – als Prüfungssituation wahrnehme. Es geht um das Abfragen von Kenntnissen und Fähigkeiten. Es geht um das Beantworten von Fragen, deren Antworten bereits festgelegt sind. Es geht um das Klassifizieren und Einsortieren von Kindern in schultauglich/ schuluntauglich. Es geht nicht darum, die Stärken eines Kindes zu erkennen und herauszustellen, sondern ihre Schwächen und Defizite in Hinblick auf das Schulsystem sichtbar zu machen, in Akten zu notieren und damit in den Köpfen der Kinder und Eltern zu manifestieren.

Genau wegen dieser „Bilder im Kopf“ habe ich den Gang zu dieser Untersuchung vermieden. Denn es ist momentan nämlich gerade so, dass ich mich von den eigenen „Bildern im Kopf“ – was Kinder in diesem Alter u.U. schon alles können müssten, wie sie sich verhalten sollten, wie sie zu sein hätten verabschiede. Zwar habe ich durchaus auch früher behauptet, dass mir die Einschätzung von Außenstehenden (Erzieherinnen, Großeltern, Kassierer im Supermarkt) zwar wichtig, aber nicht maßgebend sei. Immerhin bin ich die Mutter und kenne mein Kind besser – so die innere Stimme. Tatsächlich aber kann ich erst seit einiger Zeit einräumen, dass ich hier nicht immer aufrichtig zu mir selbst war. Inzwischen versuche ich mehr und mehr die „gesellschaftlichen Bilder im Kopf“ loszulassen und den Blick auf das Kind richten. Genauer gesagt, möchte ich hinter das Kind gucken und sein Wesen erkennen. Und damit auch seine Stärken und Schwächen anerkennen. Ein Besuch bei der Schulärztin wäre daher in diesem Zusammenhang kontraproduktiv. Es hätte mich vermutlich geärgert, wenn der zu zeichnende Baum nicht schön oder die Antworten zur Sprachentwicklung nicht schnell genug bewertet worden wären. Dies hätte mich mich auf meinem Weg zu einer bestärkenden Beziehung zu meiner Tochter verunsichert und schlimmstenfalls neue Bilder im Kopf produziert. Seit ich nämlich diese Einstellung – des „bilderlosen Blickes“ bei mir kultiviere, bemerke ich einen anderen Umgang mit der Tochter. Ich habe das Gefühl, dass sie sich besser von mir und durch mich verstanden fühlt. Ich erlebe sie kooperativer und selbstständiger. Kurzum: sie wirkt in allen Belangen auf mich wie ein Kind, das gern zur Schule gehen möchte. Mehr noch – sie äußert diesen Wunsch klar und deutlich.

Baum

Bilder im Kopf – in der Schule

Jene wirkmächtigen Bilder im Kopf möchte ich künftig auch in meinem Arbeitsalltag in der Schule minimieren. Ich habe mir deshalb vorgenommen im kommenden Schuljahr keine Schülerakten mehr zu lesen. Ich möchte keine Vorinformationen über Schüler_innen in Hinblick auf ihre Noten, ihre Auszeichnungen, ihre Verwarnungen oder allgemein über ihren behördlich und subjektiv festgehaltenen Werdegang mehr erhalten. Ich werde daher die Eltern auf der Elternversammlung bitten, mir aus ihrer Sicht relevante Informationen (z.B. notwendige Medikamente, Teilleistungsbefreiungen, etc.) im persönlichen Gespräch mitzuteilen. So können sie nämlich selbst Verantwortung übernehmen, welche Bilder im Kopf bei mir entstehen sollen. Mir ist wichtig, mit einem ungetrübten Blick eine gemeinsame Lernzeit zu beginnen. Ich vertraue darauf, dass relevante Informationen so oder so auftauchen werden.

Nach der schulärztlichen Untersuchung ruft die Tochter an und spricht mit hörbarem Stolz in der Stimme: „Mama, ich darf zur Schule gehen!“ Anschließend spielt sie mit mir einige Fragen durch und überprüft mein Wissen. Ich bin sehr gerührt.

||||| Like It 0 Gefällt mir |||||

2 Kommentare zu “„Bilder im Kopf“ – Über Schuleingangsuntersuchungen, Schülerakten und den bilderlosen Blick

  1. Danke für diesen tollen Text! Er spiegelt genau meine Gedanken zum Thema wieder. Die Eingangsprüfung ist wieder ein Instrument, die Kinder in eine Schablone zu pressen und dies in einer künstlichen „Prüfungssituation“ mit fremden Personen. Viele Kinder scheitern daran und der Rattenschwanz sind dann Zusatztermine auf dem Gesundheitsamt, Therapie etc. Inklusive Versagensängste der Kinder und Eltern. Muss das sein? Und was folgt dann? Will man daraufhin sein Kind zurückstellen lassen, geht es plötzlich nur um Schülerzahlen, Lehrerdeputate und nicht mehr um das Kind. Eine surreale Situation. Als Pädagogin sehe ich diesen Start ins Schulleben sehr kritisch! Schulfähigkeit kann sehr wohl besser bzw. kindgerechter überprüft werden.

    • Die weiteren Konsequenzen – wie Schülerzahlen, Lehrerdeputate usw. – hatte ich gar nicht bedacht. Aber ja – das ist dann die Verlängerung des Rattenschwanzes. Und eine kindgerechtere und die Eltern unterstützendere Beratung zum Schuleintritt würde ich mir auch wünschen. Danke für Deinen Kommentar.

Schreibe eine Antwort zu Lernbegleiterin Antwort abbrechen