Eingewöhnungshölle

Meine Elternzeit geht nun in die letzte Runde und seit einigen Wochen nun richtet sich meine Aufmerksamkeit auf die Arbeit, d. h. auf Schule und darauf, ob und wie mir diesmal der Berufs(wieder)einstieg und die damit verbundene #Vereinbarkeit gelingen wird. Ein wichtiger Meilenstein hierfür ist die Eingewöhnung des Sohnes (1,5) in die Kita. Ich beschreibe eine Woche aus dem #LebenmitKindern, die für mich zur persönlichen „Eingewöhnungshölle“ geworden ist.

Die Kita, in der schon die Tochter eingewöhnt wurde, arbeitet nach dem so genannten „Berliner Modell“, das achtsam und bindungsorientiert vorgeht. 3-4 Wochen sollen Eltern für die erfolgreiche Umsetzung der Eingewöhnung mitbringen. Eine Zeit, die nur wenige arbeitnehmende Eltern zur Verfügung haben. Auch wir haben uns für einen Kompromiss entschieden, da uns – auch aus bindungstheoretischen Gründen – der gemeinsame Familienurlaub wichtig(er) war. So teilen sich mein Mann und ich die ersten beiden Wochen und entscheiden dann tageweise, wer im Anschluss notwendige Begleitung leisten wird und sich hierfür ggf. krankschreiben lässt. 

Ich unterstütze dieses Modell, unsere Kita und ihre Erzieherinnen erst recht. Dennoch fällt es mir nach knapp 2 Jahren 24/7 Betreuung für den Sohn schwer, dieses Tempo bzw. diese Langsamkeit auszuhalten, wo doch aus meinem Kopf und anderswo die to-do-Listen herauswachsen. Und, weil ich merke, dass wir – der Sohn und ich – emotional und mental für diesen Veränderungsprozess bereit sind. 

FeeLoona Pixabay.com

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Tag 1 – Dienstag

Weil ich keine andere Betreuung für die Tochter habe, verabrede ich mit den Erzieherinnen ihrer alten Gruppe, dass sie dort die Vormittage verbringen darf. Sie freut sich sehr  – nach einer Woche rumdümpeln zu Hause – auf das Wiedersehen mit ihren alten Kumpels und Kumpelinen, bis sie realisiert, dass diese als Schulkinder gar nicht mehr in die Kita gehen (dürfen). Ich gebe, selbst auch ein wenig von dieser Tatsache überrumpelt, die Tochter in ihrer alten/neuen Gruppe ab. Ich merke in jeder Pore meines Körpers, dass sich die Tochter nicht wohlfühlt und mit ihren 6 Jahren nicht nur altersmäßig in dieser Gruppe fehl am Platze ist. Ich kann diesen Moment kaum aushalten und schleppe dieses Unwohlsein fast die ganze Woche mit mir herum.

Der 1. Tag der Eingewöhnung mit dem Sohn verläuft erwartungsgemäß unspektakulär und zufriedenstellend. Ich beobachte ihn im Gruppenraum der Krippe, wie er selbstständig und neugierig diese kleine neue Welt erkundet. Ich sehe, dass er sich wohlfühlt, die Anregungen der Erzieherinnen annimmt und mit ihnen interagiert. Er braucht mich nicht. Und ich brauche den „Mami-Talk“ mit den anderen Eingwöhnungsmuttis nicht, ziehe mich in eine Ecke des Raumes zurück und sortiere meine to-do-Listen im Kopf.

Tag 2 – Mittwoch

Die Tochter trödelt beim morgendlichen sich fertig machen. Für mich ein Indiz dafür, dass ich mit meinen Beobachtungen bezüglich ihrer Motivation in die Kita zu gehen, nicht ganz falsch liege. Am Ende dieses Tages wird sie es selbst aussprechen. Das beseitigt zwar nicht mein „Betreuungsproblem“ für sie, löst aber ein paar Spannungen in mir. Wir können jetzt offen darüber reden und pragmatisch nach Lösungen suchen. 

Der Sohn nimmt auch am 2. Tag die Angebote der Krippe dankbar auf. Ich habe mir diesmal eine große Wasserflasche mitgenommen und trinke gegen Hitze und Kopfschmerz an, um nach einer halben Stunde austreten zu wollen. Diesem menschlichen Grundbedürfnis nachgebend, gebe ich kurz laut und lande kurz darauf im Vorhof meiner persönlichen Eingewöhnungshölle.

Eine Erzieherin, ich nenne sie Marina, erklärt mir nämlich, dass ich jetzt keineswegs durch die Tür des Gruppenraumes hinaus zur Toilette gehen könne, weil ein Öffnen und Schließen der Tür nur für sich verabschiedende bzw. abholende Eltern reserviert ist. Wenn ich jetzt rausginge, würde der heutige Eingewöhnungstag für beendet erklärt. Mir entgleisen kurz die Gesichtszüge, ich denke an den Pawlowschen Hund und verschränke reflexartig meine Beine. Marina sagt das so überzeugend, dass ich an Widerworte gar nicht denke. Ich suche mir einen Platz, an dem ich glaube, die nächsten 1 1/2 Stunden konzentriert meinen Harn zurückhalten zu können und weiß gleichzeitig, dass das unmöglich sein wird.

Ich sitze also auf diesem viel zu kleinen Stuhl an diesem viel zu kleinen Tisch: ich weiß die Tochter widerwillig an einem Ort, an dem sie nicht sein möchte. Ich muss dringend aufs Klo. Und dieser Umstand bedeutet, dass der heutige Eingewöhnungstag nach längstens einer Stunde beendet sein wird. Nur der Sohn spielt unbeeindruckt mit einem Feuerwehrauto. Mir rollen die Tränen über die Wange.

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Ich dekliniere verschiedene Szenarien durch, um zu retten, was zu retten ist. Ich erwäge sogar kurz die Windeln des Sohnes unauffällig als Auffangbecken unter meinen Rock zu schieben. Dann blicke ich ungläubig auf meine 38 Jahre und unternehme einen Anlauf zum Dialog. Ich sage Marina, dass ich mich – inmitten einer sehr guten Spielphase des Sohnes – in Kürze verabschieden werde, falls nicht doch eine Ausnahme möglich ist. Es herrscht ein kleiner Moment der Unsicherheit und des Abwägens. Marina stimmt sich mit ihrer Kollegin über diese „Ausnahmeregelung“ ab. Ich signalisiere beiden, dass ich bereit bin, den heutigen Eingewöhnungstag – im Sinne ihres Konzeptes – abzubrechen und kann ganz ruhig ihre Entscheidung entgegennehmen. Um es abzukürzen: ich darf zusammen mit dem Sohn austreten gehen. Der Eingewöhnungstag geht erfolgreich zu Ende und als Geschenk obendrauf, wird die Tochter spontan zum Spielnachmittag mitgenommen:

Tag 3 – Donnerstag

Die Morgenabläufe rütteln sich allmählich zurecht. Mit der Tochter kann ich nun offen über ihre Abneigung in die Kita zu gehen sprechen bzw. mit ihr verhandeln. Sie schlägt nachmittags einen Film gucken und Eis essen heraus. Das ist machbar, und ich willige dankbar ein. Denn heute findet – nach dem „Berliner Modell“ die erste Trennung statt. Nach Morgenkreis und Singsang verabschiede ich mich vom Sohn und verlasse den Gruppenraum. Ich höre ein kurzes Aufbegehren, deute das als gutes Zeichen und begebe mich in den elterlichen Aufenthaltsraum. Ich bin entspannt, weil ich weiß, dass Marina eine erfahrene Erzieherin ist und dem Sohn den Trennungsschmerz ausleben lässt, um ihm dann ein Spielangebot zu machen. Alles gut.

Eigentlich sollte ich jetzt eine Box für die Wechselsachen basteln und mich mit den übrigen Eltern unterhalten. Aber:

Ich setze ein paar Tweets ab und plaudere nett auf Twitter, bevor ich schon wieder den Sohn abholen darf. Die erste Trennung dauert nämlich – nach dem „Berliner Modell“ maximal eine halbe Stunde. Nach immerhin einer knappen Stunde zerre ich den protestierenden Sohn in die Garderobe, sammle die Tochter ein, um Eis essen zu fahren.

Tag 4 – Freitag

Ich frage die Tochter, ob sie mich beim Basteln der Wechselbox unterstützen möchte, und sie nimmt dieses Angebot erleichtert an. Sie soll im Bastelraum auf mich warten, bis ich nach dem Morgenkreis und der Verabschiedung des Sohnes dazukomme. Ich muss mich missverständlich ausgedrückt haben, denn nach kurzer Zeit sehe ich sie hinter der Glastür zur Krippe zusammen mit dem Sohn Faxen machen. Der Sohn amüsiert sich köstlich, will nun aber nicht mehr „Guten Morgen“ singen, sondern im Flur mit seiner Schwester herumkaspern. Es gibt Tränen, als ich ihn in den Gruppenraum bugsiere. Und ich ertappe mich dabei, wie ich der Tochter 2 Wochen, nein 2 Jahre „Bibi&Tina“-Verbot erteilen möchte.

Irgendwie beruhigen sich die Gemüter. Ich kann den Sohn verabschieden und zusammen mit der Tochter ein paar Bastelarbeiten erledigen. Der Sohn darf bis zum Mittagessen bleiben, und ich hole einen fröhlichen, puddingverschmierten kleinen Kita-Jungen ab. Zusammen mit der Tochter – die jetzt natürlich auch einen Schokopudding braucht – verlasse ich für diese Woche die Kita und meine persönliche Eingewöhnungshölle. 

In der nächsten Woche übernimmt der Mann den Eingewöhnungshokuspokus samt Bastelei, die Tochter geht in den Schulhort und ich an den Schreibtisch. Das fühlt sich fast nach Paradies an.

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2 Kommentare zu “Eingewöhnungshölle

  1. Habe es die Woche schon staunend verfolgt. Als unser Jüngster in die Kita kam, mit 3 Jahren und 2 Jahren Tagesmuttererfahrung allerdings, hatte ich mir extra ein paar Tage frei eingeplant. Er kannte Kita und Erzieherinnen schon durch den großen Bruder. Und sagte dann am ersten Tag: Du kannst jetzt nicht hier bleiben, ich bin ein richtiges Kitakind. Und essen will ich hier auch.
    Ich blieb dann in Reichweite, jederzeit telefonisch abholbereit…durfte aber erst nach dem Mittagessen abholen.
    Alles Gute für die weitere Eingewöhnung.
    Rosa

    • Danke Dir für Deine aufmunternden Worte letzte Woche. Über den Gedanken mit der Wechselbox und dem Smiley obendrauf musste ich immer wieder lachen.
      Und toll, dass Du so einen selbstbestimmten Sohn hast!
      Schöne Grüße!

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