Elternversammlungen – ein Akt der Anerkennung

Heute Abend ist Elternversammlung in der Kita. Ich werde diesmal nicht hingehen. Ich werde diesmal nicht das Kinderturnen ausfallen lassen, wo sich gerade eine wohlwollende Kontinuität einstellt. Der Mann wird diesmal keine Minusstunden machen, damit er pünktlich zur Kinderübergabe zu Hause ist. Ich werde mich diesmal nicht abhetzen und durch ein Wellental der Gefühle gehen. Ich werde diesmal zu Hause notwendige Erledigungen machen und diesen Text zu Ende schreiben. Ich habe dieses eine Mal andere Prioritäten gesetzt. Als ich diese Entscheidung heute Morgen den Erzieherinnen mitteilte, sprach ihr Gesichtsausdruck Bände.

Seit die Tochter in der Kita ist – also seit knapp 4 Jahren – gehe ich regelmäßig zu den Elternversammlungen. Mehr noch. Ich erkläre mich stets freiwillig dazu bereit, das Protokoll anzufertigen. Es macht mir nichts aus, die gewonnenen Erkenntnisse aus zwei Stunden Zusammenkunft auf eine DinA4 Seite zu komprimieren. Ich begreife das als meine Art mich einzubringen. Andere Eltern gehen malern, pflanzen Blumen oder verkaufen Kuchen. Ich schreibe Protokolle von Elternversammlungen. 

Elternversammlungen in der Kita 

Elternversammlungen in Kitas muss man sich in etwa so vorstellen: ca. 20 Frauen und Männer (und 2 Quotenpapis) auf viel zu kleinen Stühlen unterhalten sich über die Belange von Kleinkindern. Die Palette reicht von Windelpolitik über Vorschularbeit, die in Berlin aber nicht mehr so genannt werden darf, weil die Vorschule abgeschafft ist. Das produzierte einst eine 45minütige Diskussion über die Berliner Bildungspolitik und frühkindliche Bildung. Die Eltern der 2-5jährigen guckten sich resigniert die Fensterdekoration an. Drei Muttis kommen noch etwas verspätet herein und in allen Gesichtern kann man ablesen, dass der Abendtermin eine einzige Rennerei ist. Wenn dann bereits in den ersten 10min eine Mama zu einer Betroffenheitsgeschichte über ihr Kind ansetzt, gehen die ersten verzweifelten Hände zum Smartphone und tippen „Wartet nicht mit dem Abendessen auf mich!“ ins Display.

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Bildnachweis: geralt pixabay.com

Ich frage mich, ob eine solche Ungeduld gerechtfertigt ist, insbesondere da ich selbst regelmäßig Elternversammlungen durchführe und damit Zeitpläne und Logistiken vieler Familien ins Wanken bringe. Tatsächlich bemühen sich die Erzieherinnen der Tochter sehr, um eine gute Atmosphäre zu schaffen. Es gibt Tee und Holunderblütensirup und von den Kindern gebackenen Kuchen. Immerhin – hungrig muss man die zwei Stunden nicht absitzen. Wenn das soziale Kennlernspiel vom Beginn vorüber ist, hat sich der Großteil ohnehin mit dem „verlorenen Abend“ abgefunden. Auch ich muss mich ein wenig darauf konzentrieren, mich auf die Situation einzulassen. Lustige Kooperationsspiele mit gestressten Eltern sind eben nur begrenzt lustig. Und trotzdem – so behaupte ich – haben sie einen Wert. Denn sie zeigen, dass sich die Erzieherinnen, die ja auch einen langen Arbeitstag in den Knochen haben, etwas überlegt haben. Sie haben sich entschieden, nicht gleich mit den Informationen zu beginnen, sondern die Eltern ankommen zu lassen. Sie machen das, was sie tagtäglich mit unseren Kindern machen – sie aus einer anderen Stimmung in die des Kitaalltages hineinholen. Den aufgeregten Gesichtern der Erzieherinnen sieht man an, dass sie nach dem spielerischen Beginn auf ein positives Feedback hoffen. Tatsächlich aber wünschen sie sich Anerkennung.

Elternversammlungen in der Schule

Die Elternversammlungen, die ich in der Schule veranstalte, waren bislang gut besucht. In den unteren Klassen noch mehr als in der Oberstufe. Auch bei mir sitzen abgehetzte Eltern – deutlich mehr Väter als in der Kita. Ich vermute, das liegt zum Teil daran, dass sich die Eltern ein wenig mehr Informationsfluss erhoffen. Denn ihre Kinder sind nun in einem Alter, da sie nur noch wenig und selten nach elterlicher Aufforderung reden. Ich übernehme gern diese Funktion der Info-Gap-schließerin. Darüber hinaus biete ich eine Mischung aus Information, Feedback über die Klassensituation und eine Bestandsaufnahme über meine persönliche Zufriedenheitssituation als Klassenlehrerin. Ich versuche strukturiert und zügig die Tagesordnungspunkte zu verhandeln, verlagere „Betroffenheitsgeschichten“ einzelner Kinder ins persönliche Gespräch und ermutige die Eltern dazu, selbst mehr in Austausch zu treten. Einerseits um mich ein wenig zu entlasten, andererseits um ihnen die Erfahrung zu ermöglichen, dass sie den Besuch dieser Elternversammlung selbst als sinnvoll empfinden. Wenn ich merke, dass meine Strategie aufgeht, sich die Gesichter entspannen, im Nachhinein noch Gespräche untereinander geführt werden, dann ist das für mich ein sehr gutes Gefühl und die Bestätigung meiner Arbeit. Wird mir dieser Eindruck sogar kommuniziert – ja, dann ist das eine sehr schöne Anerkennung!

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Bildnachweis: Pezibear pixabay.com

So gesehen – sind Elternversammlungen eben nicht per se reine Informationsveranstaltungen, deren Informationen man sich eben auch auf anderen Kanälen besorgen könnte. Sie sind ein Ort der Begegnung und auch der Selbstvergewisserung der Erzieher_innen und Lehrer_innen über ihre Arbeit. Es wäre wünschenswert, wenn sich Eltern – haben sie sich entschlossen zur Elternversammlung in Kita und oder Schule zu gehen – auf diesen Gedanken einließen, um überhaupt eine Atmosphäre der Anerkennung und Wertschätzung entstehen zu lassen und gegebenenfalls daran mitzuwirken.

Ich werde auch an der Grundschule meiner Tochter die Elternversammlungen als Akt der Anerkennung würdigen und meine Protokollaffinität anbieten. Für den Kitaausklang suche ich andere Wege der Wertschätzung und der Danksagung.

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