Ferienlagerkind

Seit der Elternzeit und unserer Wohnmobilreise nach Kroatien verfolge ich den Blog family4travel. Hier berichtet Lena, eine zweifache Mutter, ausgesprochen informativ, persönlich und jenseits des Tourismusmainstreams von den Reisen ihrer Familie. Kurz vor der Sommerzeit ruft sie zu einer Blogparade auf, an der ich gern teilnehmen möchte. Es geht um meine Reisen als Kind. Der Aufruf zur Bearbeitung dieses Themas ist bewusst offen gehalten, lädt zu verschiedenen Kindheitserinnerungen ein. Ich bin sofort bei meinem heutigen Thema hängengeblieben. Es geht um meine Erfahrungen auf den Reisen in Kinder- und Jugendferienlager. Kurzum: elternloses Reisen!

Elternfreies Reisen

Dass genau diese Thematik mich gerade anspricht, hat damit zu tun, dass ich überlege der Tochter (6) anzubieten, am Ende der Sommerferien eine Woche in ein Ferienlager zu fahren. In meinem erweiterten Freundeskreis stieß diese Überlegung auf blankes Entsetzen. Eine Woche lang das Kind in fremde, mitunter nicht volljährige Hände von Betreuer_innen/ Teamer_innen zu geben, konnten einige nicht nachvollziehen. Diese Reaktionen haben mich zunächst ein wenig verunsichert. Umso hilfreicher ist die Erinnerung an meine eigene Ferienlagerzeit.

Ich bin also ein Ferienlagerkind! Von der 1. bis zur 10. Klasse reiste ich ins Kinderferienlager, was damals noch Betriebsferienlager hieß. Manchmal sogar zweimal im Jahr. 

Stockbetten

Bildnachweis: Hans pixabay.com

Das erste Mal fuhr ich mit knapp 6 Jahren zusammen mit meiner älteren Schwester. Wir wohnten in Bungalows, schliefen in Doppelstockbetten und machten Frühsport. Eine Erzieherin – vermutlich war sie nicht älter als 20 und gerade mit der Schule fertig – wohnte mit in unserem Bungalow. Ich fühlte mich gut betreut, auch wenn sie einige Nächte beim Erzieher der großen Jungengruppe verbrachte. Zumindest wurde sich das erzählt. Ich war zu klein, um zu begreifen, was das meinte.

Langeweile und Lästern

Wenn ich an meine Ferienlagerzeit denke, erinnere ich mich an lange Wanderungen, an Tagesausflüge mit dem Bus, an das Anstellen zur Essensausgabe. Nix Spektakuläres also. Und dennoch weiß ich, dass damit wertvolle Erfahrungen verbunden sind. Insbesondere das gemeinsame Lästern in der Gruppe weiß ich heute aus Lehrerinnensicht in jedem Fall zuzulassen. Es hat eine reinigende und regulierende Funktion. 

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Bildnachweis: picography pixabay.com

Außerdem lernte ich im Ferienlager Tischtennis spielen. Und Jungs gut finden. Letzteres beobachtete ich auf den Ferienlagerdiscos bei den großen Mädchen. Später als ich in ihr Alter kam, ahmte ich deren Verhalten nach und improvisierte dort, wo mir Vorbilder fehlten. Meinen ersten Kuss erlebte ich somit auf  einer Ferienlagerreise.

Ziviler Ungehorsam

Darüber hinaus gab es ein Neptunfest und die obligatorische Nachtwanderung. Damals war das alles irre aufregend. Vor allen Dingen die Streiche, die in der letzten Nacht den Betreuer_innen gespielt wurden: Zahnpasta an Türklinken, Bettbezüge zunähen, Schnürsenkel miteinander verknoten. Das fühlte sich groß und rebellisch an. In der Gruppe erlebte ich Stärke und Geborgenheit und das Empfinden, dass „ziviler Ungehorsam“ möglich ist.

Ich liebte das Ferienlager. Es beeinflusste maßgeblich meine Sozialisierung und mein Verhalten in Gruppen. Das „Ohne-Eltern-Verreisen“ lernte ich schnell zu schätzen. Bezogen auf die Tochter wünsche ich ihr ähnliche Erfahrungen.

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Bildnachweis: luctheo pixabay.com

Später fuhr ich selbst als Betreuerin ins Ferienlager. Wir wurden dann Teamer genannt. Nun organisierte ICH Neptunfeste, Nachtwanderungen und Ausflüge. Ich begleitete Kinder in tschechische Krankenhäuser und auf Polizeistationen. Ich diente für eine Reihe von Mädchen als Rollenvorbild. Diese Ferienlagerreisen bereichern meinen Erfahrungsschatz ungemein. Aus diesem schöpfe ich noch heute. 

Erfahrungen fürs Leben

Letztlich ist das die Hauptmotivation, meine Tochter ins Ferienlager zu schicken. Ich möchte ihr ermöglichen, aus diesem elternfreien Reisen Erfahrungen zu ziehen. Falls sie bereit für diesen Schritt ist, glaube ich, dass es ihr gut gefallen wird. Aus dem großen Pool von möglichen Erlebnissen und Erfahrungen wird etwas Passendes für sie dabei sein.

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3 Kommentare zu “Ferienlagerkind

  1. Vielen Dank für diesen schönen Beitrag!
    Ich denke auch, dass elternloses Reisen eine ganz wertvolle Erfahrung für Kinder ist. Meine Schwester und ich haben ab meinem 10. (und ihrem 7.) Lebensjahr regelmäßig Ferien auf dem Reiterhof gemacht. Auch wenn es dort natürlich mitunter klischeehaft zickenterrormäßig zugegangen ist, hat mich die Gruppendynamik sehr geprägt.
    Möchte deine Tochter denn ins Ferienlager? Ist sie vielleicht schon dort? Ich bin gespannt, was du nachher davon erzählen wirst! :)

    • Unsere Ferienplanung hat sich letztlich noch ein bisschen verändert, so dass die Tochter dieses Jahr noch nicht gefahren ist. Gleichwohl haben wir im Urlaub Kinderferienlagergruppen beobachten können. Sie hat nachgefragt und ich konnte von meinen Erfahrungen erzählen. Und gleichzeitig bin ich durch das Schreiben und Nachdenken anlässlich Deiner Blogparade :) noch einmal sicherer geworden, dass das eine gute Idee ist. Schöne Grüße

  2. Pingback: Aufruf zur Blogparade: Meine Reisen als Kind

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