Friedhofsspaziergang

Wir verbringen die Herbstferien zu Hause. Das ist angenehm und kommt unserem Bedürfnis nach dem Ausbilden von Routinen nach all den Auf- und Umbrüchen der letzten Wochen entgegen. Gestern erlebten wir einen schönen Tag.

Ein trockener, nicht zu kalter Herbstnachmittag führte uns zunächst in die Bibliothek und anschließend zum Spielplatz. Auf dem Weg dorthin müssen wir an einem Friedhof vorbei, auf dem ich in meinem „vormutterschaftlichen“ Leben häufig spazieren ging. 

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Ich mag Friedhöfe. Ich weiß nicht, woher es kommt, aber ich mag mich gern auf ihnen aufhalten. Bereits in meiner Jugend habe ich Nachmittage auf dem bekannten Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin verbracht und für die Schule gelernt. Und noch heute besuche ich Friedhöfe, wenn ich auf Reisen bin. Ich genieße die Stille, die Möglichkeit der Einkehr. Mich faszinieren die Geschichten, die Grabmäler über die Menschen erzählen: die Geschichten derjenigen, die verstorben sind und die Geschichten jener, die kommen und die Gräber pflegen. Gräber geben Auskunft über die Beziehungen zwischen den Menschen – auch und vor allem über den Tod hinaus.

Spaziergang mit der Tochter

Gestern nun besuchte ich mit beiden Kindern den Friedhof, der sich gleich neben dem Spielplatz befindet. Während der Sohn (1,5) mit einem Brötchen in der Hand auf meinem Rücken die Aussicht genoss, konnte ich mit der Tochter (6) ein wenig Friedhofsatmosphäre aufnehmen.

Beschwingt und lebensfroh spazierten wir durch die Reihen. Die Tochter war interessiert, es gab viel zu entdecken: z.B. wusste sie aufwändige Blumenarrangements von weniger gepflegten Gräbern einzuordnen. „Hier muss aber mal jemand wieder Ordnung machen“, bemerkte sie beiläufig. Es hatte so etwas Selbstverständliches und Unbefangenes, dass ich lachen musste. Wir begutachteten die Grabsteine und die Inschriften. Goldene Gravuren auch mit Symbolen fand sie besonders schön. Außerdem wollte sie unbedingt wissen, ob hier auch Kinder begraben lägen und hielt nach Kuscheltieren oder Spielzeug Ausschau.

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Leseübung

Wir entdeckten zwar keine Kindergräber, aber dafür reich verzierte Grabsteine. Die Tochter begann langsam die Buchstaben zusammenzuziehen und entzifferte, besser las den Namen auf einem Grabstein. „Wwww-iii-lllll-iiii. Willi, rief sie – etwas lauter als die Friedhofsordnung es vorsah – den selbstständig gelesenen Namen aus. Als Leseanfängerin ein großes Erfolgserlebnis. Wir suchten nach weiteren gut lesbaren Vornamen. Eine schöne Situation.

Später bat sie mich noch weitere Namen vorzulesen: Alfred, Arthur, Elisabeth. Sie amüsierte sich, dass ich die Namen ihrer Mitschüler*innen nannte. Einen kurzen Moment kamen ihr Zweifel, als sie wissen wollte, ob das jetzt „die Echten“ seien. Ich schüttelte den Kopf und zeigte auf ein paar prunkvolle Familiengräber, die wir uns noch ausgiebig anguckten.

Bibi und Tina auf dem Friedhof

Kurze Zeit später wechselte sie wieder ins Rollenspiel. Als Tina sattelte sie Sabrina, scharte mit ihren Hufen den frisch geharkten Friedhofsweg und galoppierte fröhlich hinüber zum Spielplatz. Als pflichtbewusste „Frau Martin“ zischte ich noch ein „leise!“ hinterher. Die Situation war ganz und gar nicht pietätlos, sondern irgendwie stimmig. Die Ruhe, das Arrangement der Gräber, das Herbstlaub – all das konnte die Tochter als angenehmen Rahmen empfinden, um problemlos in ihr Rollenspiel zu wechseln. Diese Leichtigkeit ist es, die ich mir gern öfter wieder zu eigen machen möchte.

 

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