Gemeinsam eine neue Sprache lernen – „Wertschätzende Kommunikation“

Ich bin bald 40 Jahre alt und wage das Abenteuer, eine neue Sprache zu erlernen. Noch besser, ich lerne sie zusammen mit meiner Tochter (5 Jahre). Die Sprache, um die es geht, ist der deutschen sehr ähnlich. Sie benutzt die gleichen Wörter, ihre Syntax ist adäquat. In der Semantik, d.h. in der Bedeutung unterscheidet sie sich jedoch. Auch in der Anwendungsweise. Die Sprache, die wir uns autodidaktisch beibringen, heißt „Wertschätzende Kommunikation“ und gehört zur Sprachfamilie der Gewaltfreien Kommunikation.

Der Hintergrund dieses Spracherwerbs ist die Mediationsausbildung, die ich seit November 2015 absolviere. Hier lerne ich – neben verschiedenen Kommunikations- und Fragetechniken – vor allem genauer hinzuschauen, was in bestimmten Situationen passiert, und was ggf. zu Konflikten führt. Und das ist, meiner Erfahrung nach, sehr häufig ein unachtsamer, teils verletzender Gebrauch von Sprache.

words_havepower

Bildnachweis: Geralt pixabay.com

Ich habe daher begonnen, ohne dass ich es gezielt geplant oder beabsichtigt hätte, bestimmte, v.a. wiederkehrende konfliktbeladene Situationen anders zu kommunizieren. Am folgenden Beispiel einer Frühstückssituation möchte ich das illustrieren:

Wenn es am Morgen schnell(er) gehen soll, verzichte ich bei der Frühstückssituation auf die basisdemokratische Mitbestimmung und treffe eine Vorauswahl, indem ich der Tochter beispielsweise ein Brötchen auf den Teller lege. Weil ich die Vorlieben meiner Tochter kenne, wähle ich ein Kürbiskernbrötchen, das in 90% der Fälle für Begeisterung sorgt. An diesem Morgen nicht.

Tochter: (empört) „Ich möchte kein Brötchen!“ (Kürbiskernbrötchen hat sie offensichtlich gar nicht zur Kenntnis genommen)

Ich: „Oh, dann habe ich Deinen Appetit wohl falsch eingeschätzt. Magst Du mir sagen, was Du anstelle des Brötchens essen möchtest?“ (ich versuche ihr zu vermitteln, dass ich sie verstanden habe, mache ihr aber gleichzeitig deutlich, dass ich mich auf die 90% der positiven Erfahrungen gestützt habe. Dann lade ich sie dazu ein, mir mitzuteilen, was sie stattdessen essen möchte.)

Tochter: (im Brustton der Überzeugung und als hätte es nie eine Vorliebe für Kürbiskernbrötchen gegeben) „Ich will Corn Flakes essen.“ 

Ich: „Gut“ (ahnend, dass damit das Thema Milch selbst eingießen nicht lange auf sich warten lässt. Dies vermeidend frage ich) „Gibst Du mir Bescheid, wenn Du Hilfe beim Milch eingießen benötigst!“

Tochter: „Ja“

Ich: (abwartend, beobachtend)

Tochter: „Mama, kannst Du mir schnell helfen – die Milchtüte ist so schwer.“

Ich: (versuchend Ruhe auszustrahlen): „Gern. (…) Puh, die Milchtüte ist aber wirklich schwer.“ (der letzte Schwapp geht tatsächlich daneben. Ich hole einen Lappen und wir frühstücken entspannt zu Ende)

Nachdem wir die Frühstückssituation gut bewältigt haben, „lauert“ meist in der Anziehprozession der nächste potentielle Konflikt. Wir Eltern wünschen uns hierbei reibungsfreie Abläufe, indem die Tochter nach dem Frühstück Hände und Mund wäscht und sich SELBSTSTÄNDIG und zügig die Schuhe anzieht. Viel zu oft sind wir an dieser Vorstellung gescheitert und haben dieses Prozedere nur mit viel Zureden, mehrmaligen, auch deutlichen Aufforderungen, mit ebenso deutlichen Widerworten zu Ende wurschteln können. Besonders verärgert sind wir, wenn wir der Tochter nach dem Frühstücken noch eine kleine Spielrunde gestatten, die sie erst beginnt, nachdem sie uns hoch und heilig versprochen hat, dass sie auf Zuruf, das Spiel unterbricht und sich anzieht.

giraffe-907776_960_720

Bildnachweis: jacek1984 pixabay.com

Je tiefer ich in die Mediationsausbildung eintauche und je mehr Verständnis über Kommunikationstheorien und ihre Wirkungen ich erlange, wird mir immer deutlicher, dass ein ad hoc „Raus aus der Spielsituation, rein in die Klamotten“ nicht funktioniert, sondern dass auch hier der „Teufel im sprachlichen Detail“ steckt. Mit dem Kommunikationsquadrat „Die 4 Seiten einer Nachricht“ von Schulz von Thun kann man sich Komplexität einfacher Kommunikationszusammenhänge verdeutlichen und sich selbst sensibilisieren, wie viele Aspekte in einer einfachen Botschaft „mitschwingen“.

Kommunikationsquadrat

  1. Sachverhalt: Worüber ich informiere… (Themen, Fakten, Sachverhalte)
  2. Selbstkundgabe: Was ich von mir selbst kundgebe… (Gefühle, Stimmungen, Teile meiner Persönlichkeit)
  3. Beziehungsseite: Was ich von Dir halte…/ Wie wir zueinander stehen…
  4. Appell: Wozu ich Dich veranlassen möchte…

Bezogen auf den oben beschriebenen Übergang von Spiel- zur Anziehsituation würde ich gern folgendes elegant ausdrücken können:

  1. Sachverhalt: „Die Spielzeit ist vorbei, weil jetzt die „Fertigmachzeit“ angebrochen ist.“
  2. Selbstkundgabe: (häufig erkennbar in der Tonlage) „Ich möchte, dass das jetzt ohne (viel) Diskutieren klappt, weil mir Pünktlichkeit wichtig ist.“
  3. Beziehungsseite: „Ich bin Deine Mutter und möchte Dir vermitteln, dass Pünktlichkeit eine sinnvolle Angelegenheit ist. Darüber hinaus übernehme ich Verantwortung für das Gelingen der Abläufe, indem ich JETZT die Spielsituation unterbreche, obwohl ich sehe, dass Du mittendrin bist.“
  4. Appell: „Ich möchte gern, dass Du jetzt keine weiteren Verhandlungen beginnst, sondern dass Du Dich jetzt anziehst.“

Eine abgespeckte Version aller eben ausgeführten Aspekte könnte in einem solchen Satz stecken:

„Tochter, es ist Zeit, die Spielsachen jetzt wegzulegen und sich anzuziehen. Wir müssen nun los, um pünktlich im Kindergarten zu sein“

Diese 4 Seiten einer Botschaft immer und ständig auf dem Schirm zu haben und entsprechend zu kommunizieren, ist bereits beim hier Niederschreiben, geschweige denn in der von Zeitdruck geprägten Situation sehr anstrengend, klingt gestelzt und (zunächst) unnatürlich. Außerdem dauert es wesentlich länger als ein schlichtes „Komm bitte jetzt anziehen!“

Wertschätzende Kommunikation gemeinsam lernen

Meine Hoffnung aber ist, dass bei unserem gemeinsamen Spracherwerb, sich bestimmte sprachliche Feinheiten internalisieren und selbstverständlich werden, ohne dass ich mir selbst merkwürdig dabei vorkomme, ohne dass sich Außenstehende irritiert über meine „Wortakrobatik“ zeigen.

Ich bin momentan auch zuversichtlich, dass dies gelingen kann, denn das Schöne und Beeindruckende daran ist, dass meine Tochter, diese Sprechweise beginnt zu übernehmen – einfach so, ohne zu überlegen, ohne künstlich zu klingen. Es klingt lieblich und sanft aus ihrem Mund, wenn sie ihr Anliegen artikuliert und mit einem Gefühl und einer Bitte garniert. Die Kommunikation wird in meinen Ohren leicht, sie geschieht auf Augenhöhe, ist kooperativ und verlässlich. Ich bin mir der Aussagen meiner Tochter gewiss und zweifele nicht leise, ob nicht gleich doch noch ein „unvorhersehbarer Wutausbruch“ kommt. Das hinterlässt bei mir ein wunderbares Gefühl der Leichtigkeit und motiviert mich sehr, die Sprache der „Wertschätzenden Kommunikation“ weiter zu erlernen und irgendwann einmal, fließend – in Wort und Schrift – zu beherrschen.

||||| Like It 0 Gefällt mir |||||

Kommentar verfassen