Konstruktive Kritik ist ein Geschenk

Seit einigen Monaten verfolge ich verschiedene Diskursstränge zum Thema „Lernen unter digitalen Bedingungen“ im Netz. Die Community, die sich für diesen Bildungsschwerpunkt engagiert, nehme ich heterogen wahr. Gleichzeitig findet Vergemeinschaftung unter gemeinsamen Hashtags und auf Kongressen statt. Mit einigen Akteuren habe ich mich ausgetauscht, folge ihren Blogs und nehme deren Anregungen in mein Verständnis vom Lehrberuf auf. Die zunehmende Diversifikation des „Onlineclans Digitallehrende“ wurde in den letzten Tagen in verschiedenen, teilweise zeitgleich und sehr emotional geführten  Diskussionen sichtbar. Ein Thema, das sich auf den verschiedenen Plateaus der Auseinandersetzungen heraus kristallisierte und als solches auch benannt wurde, ist der Zusammenhang von „Lehrkräften, Kritik und dem Netz“.

Dieser Text von Philippe Wampfler endet mit 5 Hinweisen zum Umgang mit Kritik. Auch im anschließenden Twitter-Austausch zu diesem Thema wurde deutlich, dass Wampfler die Position vertritt, (jede) Kritik könne per se konstruktiv genutzt werden. Konstruktiv in dem Sinne, dass ein geäußertes Feedback grundsätzlich als Wertschätzung verstanden werden könne.

Diese Haltung finde ich bewundernswert. Eine notwendige Bedingung hierfür stellt eine –  von vielen in der obigen Debatte geforderte und auch von Wampfler benannte –  „sachliche“ Argumentationsführung dar. Mein Unbehagen gegenüber dieser Selbstaufforderung besteht darin, dass dieser Anspruch für die meisten Menschen schlichtweg eine Überforderung darstellt und in diesem Zusammenhang eher einschränkend als öffnend wirkt. Diese Perspektive leite ich aus meinen Erfahrungen zum Thema Mediation und Konfliktbearbeitung ab.

Die Welt der Kommunikation besteht aus Missverständnissen

Ich gehe mit Schulz von Thun und seinem Modell – Die 4 Seiten einer Nachricht – davon aus, dass Kommunikation komplex ist. Ob ich eine Nachricht (=Kritik) als sachlich empfinde, hängt im Wesentlichen davon ab, in welcher Gefühlslage ich mich gerade befinde, und welche Bedürfnisse daraus resultieren. Hiernach richtet sich, welches Ohr ich gerade auf Empfang gestellt habe. Die Komplexität entsteht deshalb, weil die 4 Seiten einer Nachricht nicht nur beim Empfänger, sondern auch beim Sender nolens volens mitschwingen. Kurzum: auch eine in der Sache getätigte Äußerung kann in den falschen Hals gelangen, weil die Worte etwa aus dem Gefühlschnabel (=Selbstkundgabe) entzwitschern oder z. B. am Beziehungsohr hängen bleiben.

Daher wünsche ich mir:

Die Frage würde ich nach den obigen Ausführungen folgendermaßen beantworten. Die Möglichkeit, „jede Art von Kritik“ anzunehmen, erhöht sich in dem Maße, wie ich Verantwortung für meine Kommunikation übernehme und sie wertschätzend praktiziere. Das kann ich tun, indem ich mir und anderen klar mache, dass das Gesagte a) meine Gefühle verletzt, b) die Beziehung, in der wir zueinander stehen in Frage stellt c) in meinen Augen an der Sache vorbei geht, etc. Ich mache meinen Zweifel zum Thema und sorge damit für mich und andere für Klarheit.

Wertschätzende Kommunikation oder „Hätte, hätte – Fahrradkette“

Der Thread um den Einsatz von Snapchat im Unterricht zeigt geradezu exemplarisch, wie wertschätzende Kommunikation nicht geht und eine Welt von Missverständnissen zurücklässt. Der öffentliche Austausch und die Einflussnahme von verschiedenen Leuten (durch Replys und Favs) hat die Dynamik m. E. noch verschärft. 

Für Mediations- und Kommunikationskontexte – und hierfür ist dieser Artikel u.a. auch geschrieben – eignet sich der Thread als Übung durch Umformulieruren und Ergänzungen, wertschätzende Kommunikation einzuüben. 2 mögliche von mir kommentierte Dialoge dienen als Vorschlag, einen konstruktiven Austausch zu illustrieren, der ggf. Kritik zugelassen hätte.

Erster fiktiver Verlauf

Person A: Kursraum ist leer. Schüler sind im Aussengelände unterwegs und stellen als -Story nach

Person B: Warum?

Person A: Wie meinst Du das? (konkretes Nachfragen)

Person B: Mich interessiert, warum Du gerade Snapchat benutzt. Hast Du Zeit und Lust für Austausch? (Nach Erlaubnis um Austausch fragen)

Person A: Ja, können wir machen. oder: Nein, momentan nicht, gern wann anders. oder: Nichts für ungut, aber ich möchte an den Theorie-Praxis-Diskussionen (derzeit) nicht teilnehmen.

Person B: Schade! Aber Danke für Deine Offenheit. See U!

twitter-pfeil

Bildnachweis: habergibitv pixabay.com

Zweiter fiktiver Verlauf

Person A: Kursraum ist leer. Schüler sind im Aussengelände unterwegs und stellen als -Story nach

Person B: Hast Du Zeit und Lust auf Austausch. Würde gern mehr über Deine Überlegungen wissen. (Interesse am Thema, Interesse an der Meinung Jochums)

Person A: Klar, was willste wissen?

Person B: Finde die Idee gut! (Wertschätzung) Kannste sagen, was genau die SuS im Zusammenhang mit Faust via Snapchat lernen. Würde an Deinem Beispiel gern noch weiter denken.

Person A: (…)

Person B: (…)

Person A: (Verantwortung übernehmend und das Gespräch frühzeitig beenden) Sorry, Gespräch läuft doch in komische Richtung. Mag grad nicht Theoriebildung betreiben.

Person B: Mmh. Warum? (Nachfragen) War ich zu pushy? Falls ja, tut mir leid. Weißt ja, Theorie-Praxis-Verknüpfung ist mein Thema. (um Verständnis bitten, andere Perspektive klar machen)

Person A: Ja, war mir zu viel Rechtfertigungsdruck in dem Moment. Theorie gern mal wann anders. Oder frag den @phwampfler;)

Person B: Alles klar. Bist demnächst in dieser Galaxie. Und keep it up!

Person A: Jo!

Fazit

Solche Formulierungen klingen ungewohnt und erfordern mehr Denk-Arbeit. Ich bin mir derzeit auch (noch) nicht sicher, ob sie für die Twitter-Kommunikation praktikabel sind. Dennoch: eine solche Haltung gegenüber Kommunikation bedeutet Selbstachtsamkeit und Selbstdisziplin. Darüber hinaus offenbart eine solche Haltung einen besonderen Blick auf die Welt. Eine Welt, in der konstruktive Kritik als Geschenk begriffen wird – eines, das man sorgfältig einpacken und überreichen, und eines, das man annehmen und sorgfältig auspacken kann. Bezogen auf Wampflers Frage: Ja, Geschenke übergeben und annehmen, kann man lernen.

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GuestGuest

Ein Kommentar zu “Konstruktive Kritik ist ein Geschenk

  1. Die Diskussionskultur auf Twitter lässt leider allgemein zu Wünschen übrig. :(

    Ich hab ähnliche Erfahrungen gemacht, wie du. Anfangs war alles gut und ich hab mich bei den ganzen Menschen vom EdchatDE sehr wohl gefühlt und dann kamen die üblichen Probleme, Sticheleien und Hater. Sehr schade, ich hab unsere Zunft immer so eingeschätzt, dass wir über sowas stehen.

    So oder so, ein sehr schöner Beitrag. (:

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