Laufen Lernen Loben

Kürzlich zeigte mir eine gute Freundin ein Video ihrer Tochter. Es ist ein ganz besonderes Video, denn es zeigt die ersten selbstständigen Schritte der Kleinen. Man sieht das mehrmalige Aufrichten, das Wieder-Hinplumpsen, das einige Sekunden im freien Raum Stehen – ganz allein auf beiden Beinen. Und plötzlich dieser erste Schritt ins eigene Leben. Zauberhaft! Die Kleine strahlt über das ganze Gesicht, und es ist nicht ganz klar, ob sie die Tragweite dieses Entwicklungsschritts in diesem Moment realisiert. Die Eltern allerdings, die das große Glück hatten in dieser unwiederholbaren Situation beide anwesend zu sein, strahlen auch. Das sieht man zwar nicht auf dem Video. Aber man hört es. Mehr noch. Sie jubeln, sie applaudieren, sie freuen sich. Es sind coole Eltern. Deshalb können sie mit dem folgenden Text auch gut umgehen. 

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Bildnachweis: Alexas_Fotos/5502 Pixabay.com

Ich frage mich nämlich, was tatsächlich in dieser von mir beschriebenen Szene passiert. Ein Kind erlernt eine neue Fähigkeit. Es ist überrascht, wie sich das anfühlt, die Welt aus der erhöhten Perspektive zu sehen. Es ist unsicher so ganz allein auf zwei Beinen ohne den gewohnten Vierfüßler Stand und lässt sich noch ein paar Mal fallen. Es macht eine völlig neue Erfahrung, nämlich was es bedeutet, sein ganzes Körpergewicht so zu verlagern, dass es einen Schritt nach vorn setzen kann – ganz allein ohne fremde Hilfe. Mehr Selbstwirksamkeit geht nicht. Dieses Laufenlernen ist wie die meisten motorischen Elementarbewegungen (Drehen, Krabbeln, Robben) intrinsisch motiviert. Das heißt, es braucht keinen Anreiz von außen, keine Bestätigung, kein Lob. Es passiert von ganz allein, weil der kleine Mensch es so will. Es stellt sich also die Frage, ob und wieviel Lob und Applaus in Lernsituationen allgemein, in motorischen besonders sinnvoll ist. Tatsächlich gibt es die Auffassung, dass das Lob genauso wie das Pendant die Strafe keine geeigneten Kandidaten sind, um seine Kinder beim Aufwachsen zu belgeiten. Dieses von außen an die Kinder herangetragene Lob soll sie ermutigen, weiter an ihrer Aufgabe zu arbeiten. Dabei kann man doch gerade beim Prozess des Laufenlernens und seine vielen Vorphasen beobachten, dass diese ohnehin passieren, ob man nun lobend dabei ist oder nicht. Je größer das Kind wird, desto gezielter wird landläufig das Lob eingesetzt und nach einer Weile fordert es das Kind auch ein. Gebraucht man es unachtsam und inflationär, wird die vermeintliche Rekrutierung von „Lobjunkys“ beklagt.

Loben in der Schule

Ähnlich erlebe ich es in der Schule. Bloß nicht zu viel loben waren die gutgemeinten Tipps meiner vorrangig älteren Kollegen_innen bei meinem Dienstantritt. Früher war man offensichtlich nicht so schnell bereit, eine Lobhudelei anzustimmen – gerichtet an Schüler_innen schon gar nicht. Ich selbst bin eine Zeit lang mit einem dicken Aufkleber auf der Federtasche in den Unterricht gegangen, auf dem stand: „Lobe!“. Offensichtlich kommt dieser Aspekt in der pädagogischen Arbeit zu kurz, insbesondere in Schulen, wo gleichzeitig viel getadelt wird. Ich habe auch häufig gesehen, dass Klassen sich dieses Lob auch schwer erarbeitet haben, indem sie sich besonders ordentlich und vor allem pünktlich zu Unterrichtsbeginn präsentierten. Einerseits wollten sie mir eine Freude machen. Andererseits wollten sie von mir gelobt werden. Wenn ich in dieser Situation mit meinem intrinsischen „Motivationsgelabber“, von wegen ihr wollt doch auch die Unterrichtszeit bestmöglich nutzen, das steckt doch quasi in euch drin, gekommen wäre – kaum auszudenken! Und dennoch gehe ich beruflich wie privat mehr und mehr dazu über, weniger zu loben und stattdessen Feedback zu geben. Bezogen auf meine Schulklasse meint das, dass ich konkret kommuniziere, wie diese Unterrichtseröffnung auf mich wirkt, dass ich sehe und anerkenne, dass die Klasse sich Gedanken macht. Dass ich beeindruckt bin und ja, dass ich mich freue darüber – insbesondere in so einer Atmosphäre nun Unterricht anbieten zu können. Das ist mehr als ein schnödes „Gut gemacht“. Schulklassen sind anfangs diesbezüglich irritiert, ja beinahe enttäuscht wegen der fehlenden Lobpreisung. Aber das kann ich aushalten. 

Gast sein beim Laufenlernen

Zurück zum Laufenlernen – dieser elementaren und doch so bahnbrechenden Fähigkeit. Der Zufall will es, dass sich der kleine Sohn nun mit 15 Monaten auch anschickte, seine ersten Schritte zu setzen. Ich habe tunlichst vermieden, ihn an einer oder beiden Händen zu führen. Mir war wichtig, dass er den Zeitpunkt seines Loslaufens allein festlegt, dass er sich bewusst aufrichtet und den Mut findet, einfach loszulaufen ins Leben, in sein(!) Leben.


Weil dieser Moment eben doch einzigartig ist, habe auch ich anfangs Töne der Freude ausgestoßen und ihn strahlend in meine Arme geschlossen. Beim zweiten und dritten Anlauf habe ich mich in eine Ecke gesetzt und ihn so unauffällig wie möglich beobachtet. Dieses vor Freude Jauchzen verwandelte sich bald in eine konzentrierte und nach innen gekehrte Freude. Mit jedem Fall wurde der Sohnemann sicherer, wartete nicht auf meine Reaktion, sondern blieb in seinem „Flow“. Es wirkte auch so, als ob er mit sich allein kommunizierte – Töne des Zögerns, der Freude, der Neugierde. Das war ein sehr schöner, weil auch intimer Moment. Ich konnte erleben, wie er allein eine wichtige Situation in seinem Leben gemeistert hat. Als Mutter macht mir das Mut, gibt mir Vertrauen und Gewissheit, dass er einen guten Umgang mit sich hat, seinen Weg gehen wird. Geherzt habe ich ihn im Anschluss natürlich trotzdem.

Meine Freundin ist übrigens wieder guter Hoffnung. Ich bin gespannt, wie sie dann den Moment des Laufenlernens erleben wird. Alles Gute für Euch!

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6 Kommentare zu “Laufen Lernen Loben

  1. Danke für diesen Blogeintrag. Einiges kommt mir bekannt vor :-)
    Es lohnt sich wirklich, darüber nachzudenken, wie man lobt, warum und wie häufig. Es kann schnell zu einem Klischee werden. Allerdings ist es auch wichtig, die eigene Freude am Kind und seinem Vermögen unverhohlen und unverstellt auszudrücken. Und das kann schnell nach Lob klingen. Schwierig, sich dabei zurückzuhalten. Wo ich mich künftig stärker hinterfragen möchte, ist, ob ich Lob nutze, um meine Tochter zu dirigieren. Ach, es ist einfach gut, ab und zu über Erziehung nachzudenken.

    • Ja, das sehe ich ganz genauso! Irgendwie ist es auch so, dass es verschiedene Phasen der Bestärkung, Ermutigung und des Lobes gibt. Das wahrzunehmen und darüber nachzudenken, scheint mir wichtig – ab und zu!

  2. Eine Blume wächst und blüht, wenn sie bekommt, was sie braucht. Liebevolle Aufmerksamkeit hilft, dass zu sehen und zu geben.
    Eine Blume wächst niemals durch Bemühen oder Anstrengung.
    Fördert Loben das Bemühen?
    Ich bin mir sicher, dass liebevolle Aufmerksamkeit und Ausdrücken der Freude über Fortschritte beiden – Eltern und Kindern gut tut. Zeigen der eigenen Emotionen schadet hier sicher nicht. Ich bin mir auch sicher, dass die Worte weniger wichtig sind und damit ist es auch unwichtig, ob ich anscheinend lobe mit einem „toll gemacht“ oder Feedback gebe mit „ich freu mich so“ beim Kind kommt die Emotion weit mehr an als das benutzte Wort. Mein Sein als Mutter ist viel wichtiger als mein Tun, meine Handlung, mein Wort
    Trotzdem hat mich dein Text sehr bewegt: fördert Loben die Anstrengung, das Bemühen um Leistung? Fördert Loben das Bedürfnis nach neuem Lob? Vielleicht als Ersatz für vorurteilsfreie echte Anteilnahme im Sinne von: du darfst sein wie du bist und in deinem Tempo gehen und ich bin bei dir und freue mich an jedem Schritt, den du machst.

    • Das Blumenbild finde ich sehr schön. Danke dafür! Ansonsten bin ich ganz bei Dir, dass ein gelebtes Gefühl beim Kind mehr bewegt als 1000 Worte.
      Deine anderen Fragen nehme ich auf – für die nächste Runde, die ich sicher bald in dem einen oder anderen Kontext zu diesem Thema „drehen“ werde. Spannend, finde ich in diesem Zusammenhang auch, welche eigene „Lobbiographie“ man so mit sich herumschleppt.

  3. Eine Korrektur zu meinem Kommentar: was beim Gegenüber / Kind ankommt, hängt natürlich nicht nur davon ab, was Du bist, denkst und fühlst, sondern sehr stark davon, wo das Kind gerade steht, was es braucht, was es erwartet, ob es etwas erwartet, wie es sich gerade fühlt… Insofern wird ein großer Anteil der Kinder einer Klasse, die Lob erwartet in deinem Feedback das erwartete Lob heraushören und sich wundern, warum du soviele Worte machst.
    Eine Änderung deiner Reaktion wirkt, aber vor allem durch das geänderte Du.

    • Ich würde sogar noch eine weitere Ergänzung hinzufügen: es kommt – wie Du schon sagst – auf das Kind UND mich an, und in welcher Beziehung wir gerade zueinander stehen, wodurch die Beziehung gerade geprägt wird: Nähe, Vertautheit, Distanz usw.
      Und das alles lässt sich ganz sicher auf eine Schulklasse übertragen…

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