Lernbegleiterin – mein Verständnis vom Lehrberuf

schule_1_300_200

Quelle: condesign pixabay.com

Der Begriff Lernbegleiterin und das, was er bedeuten kann, ist mir erstmals während meiner Zeit als Referendarin (2007-2009) begegnet. Auf Grund der ausgesprochen langen Wartezeiten für die zweite Ausbildungsphase des Lehrberufs in Berlin entschied ich mich mein Referendariat in Brandenburg zu machen. Ja, in Brandenburg – dort wo es, laut Rainald Grebe, Nazis und Wölfe gibt. In diesem Brandenburg – konkret am Studienseminar Cottbus – konnte ich diese Vision vom Lernbegleiten langsam entfalten. Ich erinnere mich noch sehr lebendig an den Moment als mein damaliger Hauptseminarleiter in der ersten Sitzung herzliche Worte des Willkommens an 20 Lehramtskandidaten_innen richtete. Einer dieser Sätze lautete: „Übernehmen Sie bitte selbst die Verantwortung für Ihre Ausbildung; ich werde Sie darin tatkräftig unterstützen.“ Und tatsächlich – ich erlebte sowohl im Hauptseminar als auch in den Fachseminaren eine würdevolle, eine bestärkende und der Ausbildung angemessene Betreuung, die mich für meinen weiteren Berufsweg nachhaltig prägte. Natürlich gab es auch Kritik und Differenzen, aber die Kommunikation habe ich immer auf Augenhöhe erlebt. Ich habe den Seminarleiter_innen abgenommen, dass Ihnen die angehenden Lehrer_innen und ihr persönlicher Lernfortschritt wichtig sind.

Diese Art der Begleitung durch die wohl intensivste Phase der Lehramtsausbildung hat sich zweifelsohne auf meinen Unterrichtsstil ausgewirkt. Ich habe ihn – adressatenorientiert – auf meine Lerngruppen übertragen. Das hat freilich nicht gleich immer geklappt. Und dieser Prozess der eigenen Stilfindung ist vermutlich auch noch nicht ganz abgeschlossen und überdies sowieso veränderlich. Trotzdem kann ich inzwischen klar benennen, was ich konkret verstehe unter dem

Konzept von Lernbegleitung

  1. Ich habe mich von der Vorstellung der Alles- bzw. Vielwissenden-Lehrerin verabschiedet. Ich versuche in Unterrichtseinheiten eher moderierend und beratend aufzutreten.
  2. Ich initiiere Lern- und Bildungsprozesse, begleite die Schüler_innen (SuS) darin und reflektiere mit ihnen gemeinsam das Geschehene. 
  3. Ich sorge für Stolpersteine in der Wahrnehmung und puffere heftige Erkenntnis(ab)stürze ab.
  4. Ich helfe beim Wieder-Aufstehen, in dem ich – so gut es geht – motivierend auftrete. Motivierend v. a. darin, Verantwortung für das eigene Lernen zu übernehmen. 
  5. Ich befleißige mich einer positiven Fehlerkultur (Fehler als Lernchance) und gebe Feedback statt richtiger Lösungen.

Ob und wieviel Wissen jeweils bei den Lernenden bei diesem Konzept ankommt, ist unterschiedlich. Ich bin jedoch davon überzeugt, dass der Lernerfolg maßgeblich von dem Miteinander, d.h. vom gemeinsamen Prozess abhängt. Das sehe ich daran, dass identisch geplante und durchgeführte Stunden unter Umständen auch ganz anders laufen können. Diese Erkenntnis, dass nicht ICH ALLEIN für den Lernerfolg verantwortlich bin, entlastet mich ungemein und schafft neue Ressourcen. Natürlich überlasse ich eine Lerngruppe nicht sich selbst, verstehe sie durchaus stringent zu führen. Das finde ich das Sympathische an dem Begriff Lernbegleiterin, das darin auch das Wort „Leiterin“ steckt. Ich weiß also sehr wohl eine Lerngruppe (an)zuleiten, zu instruieren, im Sportunterricht auch zu kommandieren. Diese beiden Verständnisse schließen sich nicht aus, sie ergänzen einander. Der Blick, den ich auf diese Weise in Bezug auf meine pädagogische Praxis entwickeln konnte, ist deshalb so reizvoll, weil in den gemeinsamen Lehr-Lernprozessen Unvorhergesehenes Raum bekommt, „Neues“ entsteht. Das ist für mich der große Gewinn am Lehrberuf – Lernen begleiten zu dürfen.

Seit meiner Mutterschaft (2010, 2014) erlebe ich ähnliche Prozesse in Bezug auf die Entwicklung meiner Kinder – Mutterschaft als Lernbegleitung.

||||| Like It 0 Gefällt mir |||||

Kommentar verfassen