Meine digitale Entfaltung ist die „digitale Frustration“ anderer

Betroffen habe ich den Text von Philippe Wampfler „Die digitale Frustration“ gelesen. Ganz unerwartet kam er nicht. Es ist nicht die erste enttäuschte bzw. frustrierte Reaktion auf die an vielen Stellen von vielen Menschen als zu schleppend empfundene Entwicklung des „Digitalen Lernens“ in der Institution Schule. Bereits in einem der ersten Texte hier auf dem Blog über die Mehrwertdebatte habe ich über das Phänomen der zunehmenden Frustration der Digitallehrenden-Community geschrieben.

Wampfler darf ohne Zweifel als einer der engagiertesten Lehrenden im deutschsprachigen Raum im Zusammenhang mit Lernen unter digitalen Bedingungen bezeichnet werden. Allen hier lesenden Eltern von (künftigen) Schulkindern seien die Texte seines Blogs empfohlen. Für die Meinungsbildung in Hinblick auf Mediennutzung ist er unerlässlich. Seine klare Gedankenführung hilft Unsicherheiten und Ängste abzubauen – und zwar gleich in doppelter Hinsicht: a) gegenüber des Umgangs mit digitalen Medien und b) in Bezug auf einen emanzipatorischen Blick auf die Institution Schule.

Mein Anteil

Es ist mir ein Bedürfnis auf seinen Text zu reagieren. Ich bin nämlich eine dieser Kollegen_innen, denen Wampfler in seinen Fortbildungen begegnet. Ich gehöre zu den Kandidaten_innen, die die Digitalisierung zwar nicht aktiv blockiert, aber ihre Relevanz für Schule und gesellschaftliche Tragweite bislang schlicht nicht realisiert hat. Mindestens zwei der in seinem Text beschriebenen Standardreaktionen hätte ich vor kurzem auch so geäußert. Insofern trage ich Anteil an dieser um sich greifenden Erschöpfung in der „Digitalszene“. Mir ist meine Naivität vielfach unangenehm. Jetzt tut mir dieses Verhalten darüber hinaus leid.

Mein Mediationsblick

Ich lese seinen Text, insbesondere den letzten Teil, auch und vor allen Dingen mit der Mediationsbrille. Folgende Gedanken und Fragen gehen mir durch den Kopf. Falls sie überhaupt eine Wirkung entfalten, müssten sie zum geeigneten Zeitpunkt von geeigneten Personen gestellt werden. Vielleicht gibt es dieses Timing.

  1. Falls die Szene der Digitallehrenden sich tatsächlich als Community (Gruppe) begreift, sollte sie ihre Akteure schützen, indem sie genau zuhört und eruiert, was tatsächlich gebraucht wird: Zuspruch, Trost, Wertschätzung, Dank, Hoffnung – von allem ein bisschen?!
  2. Wie kann Unterstützung aussehen?
  3. Was müsste passieren, damit die Fortbildungen nicht frustrierend, sondern sinnstiftend erlebt werden?
  4. Wenn es eine Lösung für das „Problem“ gäbe, wie sähe sie aus?
  5. Wenn eine gute Fee käme und allen Frust über Nacht mitnähme, woran ließe sich das erkennen? Was wäre anders als sonst?
  6. Kommuniziere den Frust! Mache ihn zum Thema. Konkretisiere, was Du brauchst.
  7. Schaue auf den Prozess: woher kommt es, dass sich die Müdigkeit jetzt Bahn bricht? Was wäre der eigene Anteil? Wie könnte er verändert werden?

Mein Lernpotential

Zugegebenermaßen verunsichert es mich ein wenig, dass ich nun schon mindestens die dritte „Sinnkrise“ eines Jemanden im Zusammenhang mit der Implementierung Digitalen Lernens in der Schule beobachte. Einige Dinge nehme ich dennoch mit für meinen eigenen Weg in diese neue Lernkultur:

  • ressourcensparender Austausch mit Kollegen_innen im „Verhinderungsmodus“,
  • aktive Vernetzung auf Social Media: das Netz soll der Ort werden, an dem ich mit Menschen meine Gedanken, Erlebnisse, Irritationen, Erfolge und Rückschläge teile – quasi ein Ort der Supervision,
  • aktive Elternarbeit, so wie ich sie in diesem Text begonnen habe zu fantasieren,
  • Entwicklung einer Haltung, die konsistent ist mit meinen Werten, meiner Biographie und meinem Blick auf Schule. Eine Haltung, die stark und erhaben ist, die Widersprüche und Frust aushält.

Mein Dank

Ohne Ph. Wampfler gäbe es diesen Blog nicht. Inspiriert und ermutigt durch Philippe Wampfler denke ich hier öffentlich nach, hole medientheoretische Entwicklungen nach, beteilige mich punktuell an Diskussionen, bearbeite innere Widerstände in Bezug auf Digitales, modelliere schulische Gewohnheiten um.

Lieber Philippe, dafür möchte ich Dir danken! Sehr!

 

 

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2 Kommentare zu “Meine digitale Entfaltung ist die „digitale Frustration“ anderer

  1. Ich hatte heute ein Erlebnis, das ich an dieser Stelle berichten muss. Mein externer Einfluss auf Schulen ist eher gering.
    Heute war ich Gast in einer erweiterten Schulleitungsrunde. Es gibt an der traditionsreiche Schule das wachsende Bedürfnis auf die Heterogenität der Schülerinnen besser zu reagieren. Ein Qualitätsentwicklungsprozess wird dazu angedacht.
    Und im Rahmen dieser Debatte fokussierte sich die ESL-Runde auf die Themen „Partizipation, Transparenz und Kommunikation“. Und da passierte der Aha-Effekt: Die Digitalisierung ist kein Additum, sondern Teil der sich verändernden Schülerinnen-Welt. Wenn die Bildung diesen Mädchen beim Wachsen helfen soll, dann muss dieser Tatsache in der schulischen Praxis Rechnung getragen werden! Und alle nickten.
    Seit Jahren ist die Digitalisierung etwas für die „Jungen“ und die „Nerds“. „Wenn man gut unterrichten kann, braucht man den Zauberkram nicht!“
    Heute wurde erstmals ausgesprochen, dass es die Basis sein wird, wie Bildung für die heutigen Mädchen laufen muss. Ich bin zum ersten Mal nicht frustriert.

    • Vielen, vielen Dank für Deinen Kommentar. Er bereichert meinen aktuellen „(Nachdenken)Weg“ ungemein! 3 Gedanken, die mir dazu kamen:
      1. Das Thema „Gendersensibilität“ im Zusammenhang mit Digitalisierung kommt in meinen Augen viel zu kurz. Dein Bsp. belegt das.
      2. Mir hilft die Debatte über „Digitalisierung und Schule“ nur wenig, da sie sich, meiner Wahrnehmung nach, zwischen den Polen „Lobhuddelei“ und „Lehrerbashing“ bewegt. Dazwischen die Stimmen der Frustrierten, die sich an den kritisierenden Lehrer_innen abarbeiten. Mir fehlen Berichte und Geschichten, die eher den Prozess betreffen, die Aha-Effekte thematisieren, so wie in Deinem Kommentar.
      3. Ich würde gern Aha-Effekte sammeln: von Lehrer_innen, von Schhüler_innen, von Eltern, von Außenstehenden von Experten – gern auf verschiedenen Niveaustufen. Für mich ist das der Weg, um gemeinsam ins Gespräch zu kommen oder im selbigen zu bleiben.

      In diesem Sinne – gern mehr von Deinen Aha-Effekten :)

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