Mit Bauchschmerzen dem Schulanfang entgegen

Seit einer Woche plagen mich Bauchschmerzen, wenn ich an den Schulanfang der Tochter im September denke. Vor einer Woche – auf der Elternversammlung für die Schulanfängereltern – wurde mir nämlich bewusst, wie schwer es mir fällt, mir bereits erdachte Wege für die Tochter, bereitwillig zu verlassen.

Elternversammlung

Ich sitze mit vielen aufgeregten Müttern und einigen Vätern im Speisesaal der hiesigen Grundschule und warte auf den Beginn der Einführungsveranstaltung. Es ist schwül, ich bin müde, und ich fühle mich deplatziert. Neben mir ein wildes Umarme und Geküsse von Eltern, die sich aus den umliegenden Kitas kennen. So wird es dann also für die Tochter sein, wenn sie im September in die Schule kommt und niemanden kennen wird, während sich ehemalige Kitakinder um sie herum herzlich begrüßen. Ich seufze kurz.

Der Schulleiter beginnt mit seiner PowerPoint-Präsentation, die mir unter gestalterischen Gesichtspunkten suboptimal erscheint. Er hetzt durch die Folien wie ich als Lehrerin durch den Stoff, wenn ich keine Rückfragen möchte. Eine wirksame Methode. Sein Auftritt erscheint mir weniger stark als bei unserer ersten Begegnung. Was solls – jeder hat mal einen schlechten Tag, denke ich.

Im Weiteren möchte der Schulleiter charmant sein und schafft es nicht. Die – ebenso wie die Eltern – schwitzenden Lehrerinnen und Erzieherinnen warten auf ihren Auftritt. Ich kenne diesen Moment, in dem Elternaugenpaare einen scannen und Bilder im Kopf kreieren. Ich meide daher bewusst den „prüfenden Blick“. Die merkwürdigen Anspielungen des Schulleiters gegenüber den Frauen und das beinahe kindliche Kichern der selbigen, zeigen mir darüber hinaus: beim Thema gendersensible Sprache und Verhalten besteht an Grundschulen hoher Entwicklungsbedarf.

Begegnung mit Mrs Schüchtern

Nach einer gefühlten Ewigkeit werden die Eltern den künftigen Klassenlehrerinnen zugeteilt. Ich lande bei einer schüchtern wirkenden, aber freundlich lächelnden Frau, die nach wenigen Schritten nach Luft japst. Ich arbeite aktiv gegen mein beginnendes Kopfkino. Später wird sich herausstellen, dass die Klassenlehrerin seit längerer Zeit erkrankt und nur heute zur Elternversammlung erschienen ist. Die Art und Weise und die Häufigkeit mit der sie betont, dass sie ab September wieder einsatzfähig ist, zeigt mir, dass damit besser nicht zu rechnen sei. Ich beruhige mich und kann Verständnis entwickeln. Meine Erwerbsbiographie ist auch nicht lückenlos.

Begegnung mit Mrs Witzig

Meine Empathie friert allerdings jäh ein, als sich die Horterzieherin anschickt, den Infoblock der Elternversammlung zu übernehmen. Ich versuche nun einer dominanten, sehr schnell redenden und über die eigenen Witze lachenden Frau zuzuhören. Mit wenig Erfolg. Ich beobachte die anderen Eltern und sehe beipflichtendes Nicken als die Erzieherin uns Eltern prophezeit, dass die Kinder „erst mal“ erzählen werden, dass es im Hort (d.h. in der Nachmittagsbetreuung) streng zuginge. „Dit schadet nüscht“ höre ich am anderen Ende des Raumes. In der Zwischenzeit wieder Lachen über irgendeine Bemerkung.

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Bildnachweis: Hans pixabay.com

Ich erwache erst aus meinem falschen Film, als Mrs. Witzig erklärt, dass die Kinder in der Schulspeisung ihr die leeren Teller zeigen müssten. ‚In Afrika sterben immerhin Kinder!‘ möchte ich sie anbrüllen, als eine andere Mutter sich zu Wort meldet und Gesprächsbedarf signalisiert. Mir ist inzwischen ohnehin der Appetit vergangen. Zur Appetitlosigkeit gesellen sich in den nächsten Tagen noch Bauchschmerzen dazu.

Vertrauen in die Tochter

Im Grunde meines Herzens weiß ich, dass meine Sorge unberechtigt ist. Ich weiß, dass die Tochter das alles gut hinkriegen wird, dass sie in der Lage ist, sich an Gegebenheiten anzupassen, dass sie schlagfertig reagieren und ihre Bedürfnisse immer differenzierter artikulieren kann. Ich bin auch überzeugt davon, dass das Rüstzeug, was die hervorragende Kita und wir als Eltern ihr mitgeben, erschütterungsfähig und somit stabil ist. Dass sich unsere Werte mit dem Schulanfang nicht einfach in Luft auflösen werden. Und dennoch hätte ich mir einen anderen Weg für meine Tochter gewünscht!

Während ich das so schreibe, frage ich mich, ob ich hiermit nicht ein spätes Eingeständnis produziere, eventuell doch zur Gattung der Helikoptereltern zu gehören. Unter Bauchschmerzen leidend kann ich das grad nicht ausschließen.

Wider die Privatisierung des Bildungssystems

Eine weitere Ursache meiner Bauchschmerzen liegt darin begründet, dass wir uns als Eltern bewusst für die staatliche, hiesige Grundschule entschieden haben. Wir schlossen bewusst die umliegenden Privatschulen aus. Noch vor kurzem habe ich unter einem Beitrag über eine Schule mit offenem Konzept kommentiert, dass ich trotz aller Kritik und Unzulänglichkeiten, die ich selbst von Berufs wegen im staatlichen Schulsystem erfahre, an diesem System festhalten will. Ich argumentiere, dass wir Kinder und Jugendliche brauchen, die die absurden Mechanismen von Schule und Gesellschaft kennen und durchschauen können. Und dass nur so Veränderung entstehen könne. Wenn all die klugen Pippi Langstrumpfs und Ritter Trenks in irgendwelchen Montessori- Waldorf- oder Freien Schulen verschwinden, wer entgegnet dann Mrs. Witzig, dass das Schulessen nicht genießbar und Aufessen keine Option sei?

Ich vertrete diese Position – wider die Privatisierung des Bildungssystems – schon seit einigen Jahren und merke, wie sie nun eine Bewährungsprobe erhält. Das kann nur gut für die eigene Positionierung sein, indem sie gestärkt oder modifiziert wird. Nun denn, Gedanken schärfen oder verwerfen hat schon so manches psychosomatische Leiden bei mir geheilt. Auch den einen oder anderen Phantomschmerz. 

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In der Rubrik „Übergang zwischen Kita und Schule“ sind folgende Artikel bereits erschienen:

 

 

 

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Ein Kommentar zu “Mit Bauchschmerzen dem Schulanfang entgegen

  1. Ich verstehe Deine Bauschmerzen. Als Mutter legst Du große Sorgfalt im Umgang mit Deinen Kindern an den Tag. Du wägst ab, gehst auf die Kinder ein und überlegst welche Schritte die richtigen sind. Und kommt die Grundschule. Sie hat eine wichtige Funktion für die Entwicklung des Kindes. Sie gibt die erste Anleitung für strukturierten Kompetenz- und Wissenserwerb (Lesen, Schreiben, Rechnen, u.v.m.). Auch im Bereich des sozialen Lernens werden die Kinder an gesellschaftliche Realitäten herangeführt.
    Das wiederum erfordert von dem Eltern zwei mutige Schritte: 1. Loslassen, zumindest für den Teil, den die Schule übernehmen muss und soll und 2. Vertrauen, dass die Schule es gut macht, sogar wenn man es besser machen könnte.
    Du brauchst Geduld und Du musst mit ‚Bauchschmerzen‘ leben lernen. Es wird vielleicht auch nicht alles gut laufen. Aber eines ist auch sicher, die Grundschule ist nicht das Ende und sie wird die dominante Rolle, die sie jetzt für Eure Familie einnimmt, auch wieder abgeben. Du allerdings wirst für immer die Lernbegleiterin Deiner Kinder sein.

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