Mutterschaft als Lernbegleitung

Zunächst ist es einmal so, dass man in die Rolle der Mutter von verschiedenen Seiten hineinbegleitet wird: von Familie und Bekannten, von Freunden, von Hebammen und Ärzten und schließlich vielen gesellschaftlichen Akteuren. Da werden eigene Erinnerungen geteilt, Erfahrungen weitergegeben, Konventionen re-produziert. Ich bin mir sicher, dass die meisten Hinweise bezüglich der Betreuung des Nachwuchses mit Sorgfalt geäußert und stets gut gemeint sind. Und dennoch erschweren sie m.E. die Suche nach dem eigenen Weg, den eigenen Überzeugungen, den eigenen Werten – in die eine oder andere Richtung.

Erziehung vs. Lernbegleitung

Ich kann mich noch gut an die einjährige Elternzeit mit meiner Tochter erinnern. Sie war geprägt von großer Langsamkeit, viel Staunen und Wundern. Doch der erste Geburtstag erscheint mir noch rückwirkend wie eine Zäsur. Plötzlich hörte ich mich oft „Nein“ sagen, versuchte „konsequent“ zu sein, tappte in die „so-macht-man-das-aber-Falle“. Das Thema Erziehung und das, was darunter gesellschaftlich verhandelt wird, trat mit zunehmendem Lebensalter der Tochter in den Vordergrund. Da wurde papageienhaft „Bitte und Danke“ eingeübt, das Verhalten am Tisch gemaßregelt, auf „Guten Tag und Auf Wiedersehen“ bestanden. Alles Situationen, die potentiell konfliktbeladen sind. Weniger stressig, aber – aus heutiger Sicht – ebenso viel zu überladen gestalteten sich die vielen positiven Lernfortschritte: Laufen lernen, erste Wörter, Löffel und Gabel adäquat bedienen. Alles wurde mit viel Applaus und Lob bedacht. Dabei ist doch bekannt, dass dieses intrinsische, aus sich selbst heraus motivierte Lernen gänzlich ohne Belobigung auskommt. Irgendwann fiel mir auf, dass meine in bester Absicht gestartete Erziehung unserer Tochter in ein wildes „Geziehe“ ausartete.

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Quelle: hrohmann pixabay.com

Im Laufe der Zeit und erst Recht mit der Geburt unseres Sohnes (2014) hat sich meine Kommunikation und der Umgang mit Alltags- und Lernsituation verändert. Ich habe versucht bei meinen Entscheidungen weniger auf die gesellschaftlichen Konventionen und eher auf meine eigenen Bedürfnisse, Werte und Haltungen zu achten. In vielen durchaus strittigen Diskussionen habe ich mir ein kleines Fundament dessen erarbeitet, worauf meine Mutterschaft heute momentan basiert. Diesen Erkenntnisprozess bezüglich meiner Mutterrolle bezeichne ich als Übergang von Erziehung zur Lernbegleitung.

Die wichtigsten Aspekte für mich sind:

  1. Präsenz zeigen – physisch und geistig anwesend sein.
  2. Leitung und Struktur für Abläufe übernehmen und dem Kindesalter entsprechend anpassen,
  3. (Lern-)Prozesse begleiten und nicht (permanent) kommentieren,
  4. bei der Wissensvermittlung auf die Einladung der Kinder warten und mein Wissen nicht ungefragt über den Kindern ausschütten,
  5. Kinder sehen und hören, Bedürfnisse erkennen und ernst nehmen.
  6. Feedback statt Lob oder Tadel geben.

Für all diese kleinen und großen Begegnungen mit den Kindern im Alltag scheint mir ein Punkt besonders bedeutsam: wertschätzende Kommunikation. Das bedeutet, dass ich versuche mit meinen Kindern empathisch und vorwurfsfrei vorwurfsarm, respektvoll und auf Augenhöhe zu kommunizieren. Wenn mir ein Verhalten nicht gefällt, dann kritisiere ich das Verhalten und nicht den Menschen. Ich versuche die Integrität meiner Kinder zu schützen. Gleichzeitig versuche ich neben den Bedürfnissen der Kinder auch meine eigenen Bedürfnisse (z.B. nach einer Pause) und Interessen ernst zu nehmen und dem Kind gegenüber sichtbar zu machen. Bestenfalls treten wir dann in einen Dialog ein, der uns beide als Menschen (an)erkennt.

Lernen mit Kindern

Da die Tochter im Sommer in die Schule kommt, ist sie in einem Alter, in dem sie ihr Wissensnetz täglich erweitert, oftmals ohne, dass ich weiß, woher der ursprüngliche Impuls im Einzelnen kam. Vieles was sie weiß, habe ich ihr nicht beigebracht. Aktuell interessiert sie sich sehr für Buchstaben, Sprache und Zahlen.


Natürlich könnte ich ihr sagen, dass so eine Zahl nicht existiert bzw. sie verbessern. Aber warum sollte ich. Die Begeisterung, mit der sie solche Zahlenkonstrukte fantasiert, ist so kraftvoll, dass ich am besten gar nichts dazu sage, sondern sie darin bestärke, da weiter zu machen.


Das gleiche trifft auf die Reimwörter zu, mit denen sie in Gestalt von Bibi Blocksberg durch den Tag reitet. Sie existieren nicht und manchmal passt der Reim auch nicht ganz. Aber egal – diese Lust an Sprache ist so elektrisierend, dass ich manchmal ganz wehmütig auf meinem eigenen vernünftigen und funktionalen Wortschatz blicke. An manchen Tagen reimen wir zusammen und dann entstehen die wunderbarsten Stilblüten, mitunter in anderen Sprachen, (die es selbstverständlich auch nur in unserer kleinen Welt gibt). Obwohl ich es eigentlich besser weiß, halte ich mich zurück, gebe keine Verbesserungshinweise oder entscheide gar über richtig oder falsch. Es sei denn, ich werde explizit danach gefragt. Ich begleite den Prozess der Wissens- und Kompetenzaneignung wie ein kleines Mäuschen und freue mich diebisch über klassischen Wissenszuwachs (Abläufe in der Natur, physikalische Phänomene) oder über Veränderung im Sinne von Urteilsbildung (alle Menschen sollen gleich viel Geld haben). Am meisten aber freue ich mich über Fragen, die mir zeigen, dass sie an Phänomenen und Zusammenhängen interessiert ist. Und dann versuche ich mit ihr ins Gespräch zu kommen, probiere unterschiedliche Denkansätze aus. Das macht großen Spaß und sind die wahren Glücksmomente. Vor allen Dingen profitiere ich selbst von dieser Lernbegleitung ungemein, weil es mein eigenes Wissenskonzept erweitert oder bisweilen in Frage stellt, weil es erfrischend ist und inspirierend – kurzum: eine win/win-Situation. Außerdem sehe ich sowohl bei Sohn als auch Tochter, dass Lernwege nicht linear und keinesfalls einheitlich verlaufen. Das wiederum wirkt sich auf mein Lehrverständnis in der Schule aus.

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