Trödelmarkt und Muße

Es gibt Dinge im #LebenmitKindern, in die wachsen Eltern hinein. Oder sie wachsen an Dingen, wie etwa überstandene Kinderkrankheiten, Autonomiephasen oder Pubertät. In meiner Mutterschaft gibt es eine Sache, in die ich weder hinein- noch daran gewachsen bin. Und das ist das Thema „Baby- und Kinderkleidung“. Die Wäscheberge an zu klein gewordenen Klamotten wachsen mir allenfalls über den Kopf. Und es gibt für mich wenig lästigere Dinge als diese vielen Strampler, Bodies, Strumpfhosen, Overalls, etc. regelmäßig durchzusehen und auszusortieren. Da sich die Aufbewahrungsorte für jene nicht mehr nutzbaren Kindersachen erschöpft haben und darüber hinaus kein Nachwuchs im Freundes- und Bekanntenkreis in Sicht ist, kam mir die glorreiche Idee, das erste Mal in meinem Leben an einem Trödelmarkt teilzunehmen. Nicht irgendeinem Trödelmarkt, sondern einem Trödelmarkt für Baby- und Kindersachen. In der Kita!

Die Vorbereitung

Gewissenhaft, wenn auch etwas widerwillig, habe ich dieses Event vorbereitet. Die gefühlten 1000 Kleidungsstücke gewaschen, gebügelt (!) und fein säuberlich gefaltet. Ich habe den Campingtisch vom Dachboden geholt, eine weiße Tischdecke eingepackt, Wechselgeld besorgt. Ich fühlte mich gewappnet für die Trödelschlacht. Am Tag selber habe ich mich bei der Tochter vergewissert, ob sie die 4 Stunden mit mir in der Kita – Sachen verkaufend – zubringen möchte. Mit ihrer breiten Zustimmung im Rücken wähnte ich mich auf der sicheren Seite. Es sollte nicht die letzte Fehleinschätzung des Tages bleiben. Bereits bei der Ankunft an der Kita erste Irritationen: Geschäftige, mir unbekannte Menschen hievten Kiste um Kiste auf Sackkarren und pilgerten in den Garten der Kita. Ich buckelte unterdessen einen niedlichen Karton, eine Ikea Tasche, den Campingtisch und einen Kuchen, der als Standmiete galt. Die Tochter trug ihre Jacke unterm Arm. So hatte jeder etwas zu schleppen.

Vielversprechender Beginn

Trotz mäßigen Beginns – ich war immer noch motiviert, glaubte ich an einen kurzweiligen Vormittag, an leicht verdientes Urlaubsgeld und darauf, dass ich die lästigen Baby- und Kindersachen würde umsetzen können. Und tatsächlich begann die Trödelei vielversprechend. Eine konzentrierte Dame musterte meinen Verkaufsstand und entschied sich für die Regenkleidung. Die ersten 5€ im Säckel. Ich fühlte die ersten Glückshormone und setzte nun mein Pokerverkaufsface auf. Nach einer Weile bemerkte ich, dass meine erste Kundin, die Regenjacken an sämtlichen Ständen in sämtlichen Größen aufkaufte und in ihren Rollkoffer verstaute. Mir dämmerte erst später, dass es sich hierbei um eine professionelle 2nd-Hand-Dealerin handeln musste. Vermutlich gingen meine Tchibo-Regensachen Gr. 80 gerade bei Ebay für ein Vielfaches über den virtuellen Ladentisch. Nun ja – ich trug es mit Fassung. 

Inzwischen war das Kuchenbuffet eröffnet. Die Tochter behauptete – 20min nach dem Frühstück – sie hätte Hunger. Ich beschloss, ihr zu glauben, gönnte mir einen Kaffee und begann mich zu langeweilen. Von kaufkräftiger Kundschaft weit und breit keine Spur. Da die Tochter nach 2 Bissen Kuchen spielen ging, machte ich es mir mit dem Kuchenrest bequem und beobachtete die Szenerie.

Soziologie von Trödelmärkten

Zunächst erlaubte ich mir mit Blick auf die Spielzeugmengen bei den umliegenden Verkaufsständen den Gedanken, wie denn die vielen Kinderzimmer wohl aussähen, jetzt wo das ganze Spielzeug endlich raus ist. Danach begann ich mit einer Typologie der klassischen Trödelmarktbesucher.

Als erste fiel mir die „frischgebackene Oma“ auf, die vermutlich gerade die gesamte Erstlingsausstattung den Eltern spendiert hatte und nun in den nächsten Größen anschlussfähiges Geschenkmaterial suchte. Sie machte auch bei mir halt und kaufte zwei Mützen, ohne auch nur einen Schimmer zu haben, wie groß der Kopfumfang vom Enkelsohn denn sei. Wie auch immer – nett geplaudert, das nächste Stück Kuchen verdient.

Eine weitere auffällige Spezies an Trödelmarktbesuchern scheint mir der „gelangweilte Vater“ zu sein, der orientierungslos hinter der ambitionierten Mutter her trottet und alibimäßig mit 1-2 Sachen auf dem Verkaufstisch herumnestelt. Er hat auch keine Chance auf ein anderes Verhalten, denn die „ambitionierte Mutter“ zieht und zerrt bereits am Kind und versucht es, zum Sachen anziehen zu bewegen.

Natürlich erfolglos, denn das „arme mitgeschleppte Kind“ möchte viel lieber klettern gehen als die Sachen für die kommende Saison Probe zu tragen. Ach und dann gibt es noch den „Typus Eltern, der vor Jahren seine Kinder in der hiesigen Kita hatte“ und nun mit den Erzieherinnen in Erinnerungen schwelgt.

Kaufen möchte dieser Typ Trödelmarktbesucher nichts, denn seine Kinder sind ja schon groß. Schade. Dass ich während meiner Mutterschaft bereits alle hier beschriebenen Elterntypen einmal verkörpert habe, tut gut a) einzugestehen und b) sich selbst zu verzeihen.

Muße und Müßiggang

Während ich meine teilnehmende Beobachtung beende, schließe ich Frieden mit dem verkorksten Vormittag, mache es mir unter dem Apfelbaum gemütlich und freue mich über Aufmunterung!

Ich frage mich, wann ich seit meiner Mutterschaft im Jahre 2010 geschlagene 4 Stunden nichts tuend verbracht habe. Tatsächlich fällt mir keine Situation ein. Und ich erinnere mich daran, wie ich mich im Studium einst mit Muße und Müßiggang beschäftigte. Dabei ging es darum, Muße als Gegenbegriff von Arbeit und Spiel (i. S. Erholung) abzugrenzen und ihr eine eigene inhaltliche und zeitliche Dimension zuzugestehen. Volker Schürmann, dem ich diese Erkenntnisse verdanke, formuliert das so: Muße verstanden als

“ jene Zeit, die mit einer Tätigkeit von bestimmbarer Qualität um ihrer selbst willen verbracht wird und die sich nicht auf einen Nutzen verrechnen lässt.“

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Als ich gedankenverloren unter dem Apfelbaum saß, dämmerte mir, ob ich nicht gerade Besuch eines seltenen Gastes erlebte. Aber gerade als ich die Muße begrüßen wollte, war sie schon wieder verschwunden – eine weitere Interessentin war nämlich an meinen Verkaufsstand getreten. Die vierte und letzte Käuferin an diesem Tag. 

Kurze Zeit später begannen an meinen Nachbarständen die Aufräumarbeiten, und ich erkundigte mich, nach deren Perspektive bezüglich der vielen Baby- und Kindersachen. Von Skepsis und Zweifel keine Spur:

Ich hingegen stelle fest, dass ich wohl keine Hardcore-Trödelmarktmutti werde. Aber ich bin beglückt darüber, dass ich der Muße noch begegnen kann. Ich glaube, sie mag Kitas, Trödelmärkte und Apfelbäume!

Schürmann, V.: Muße, Bielefeld 2003.

 

 

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