Unter jedem Dach ein Ach

Dies ist ein Text, der als bloße Verschriftlichung eines Seminars beginnt und mit einer persönlichen Note und der Bedeutung von Pasta Bolognese für Familien endet. Zwischendurch lasse ich ein paar Methoden der Mediation Revue passieren und klopfe sie auf Praktikabilität ab. 

Das zurückliegende Modul meiner Mediationsausbildung befasste sich mit dem Thema „Familien- und Scheidungsmediation“ – ein Thema, welches für mich in mehrfacher Hinsicht interessant ist. Zum einen gab es in meiner Herkunftsfamilie mindestens eine Phase, in der eine mögliche Scheidung offen im Raum stand. Zum anderen lebe ich inzwischen selbst in einer Familie, die nur deshalb zustande kam, weil es an anderer Stelle eine Trennung gab, in der auch Kinder involviert waren. Insofern sah ich dem Wochenendseminar mit großer Spannung entgegen.


Bilder abrufen

Wir starteten mit einer kreativen Übung, in der es darum ging, die persönlichen Bilder einer möglichen „Traumfamilie“ bzw. einer „Katastrophenfamilie“ abzurufen. Dieser Einstieg eignet sich auch für eine Mediation, in der die Medianden – so werden die Konfliktparteien in der Mediationssprache genannt – gebeten werden, Bilder über ihre „Traum-/Katastrophenfamilie“ zu malen. Folgende Fragen dienen im Weiteren als Gesprächsimpuls:

„Traumfamilie“

  • Wer ist Mitglied dieser Familie?
  • Wo befindet sich die Familie?
  • Für welchen Zufall stehen die gewählten Farben?!
  • Wofür stehen die Symbole? (Baum, Haus, Sandkasten, Strand, etc.)
  • Welche Dinge spielen noch eine Rolle?

„Katastrophenfamilie“

  • Sind alle Familienmitglieder erfasst? Welche fehlen?
  • Geht der Grund des Fehlens aus dem Bild hervor?
  • Gibt es Symbole, die auf mögliche Konflikte hinweisen.
  • Wie viele Anteile von bestimmten Personen sind in diesem Bild?

In der Seminararbeit war auffällig, dass die Traumfamilien häufig im Sonnenschein, unter einem großen Baum oder vor einem Haus dargestellt wurden. Kinder spielten friedlich im Sandkasten. Herzen und Regenbogen ergänzten das Ensemble. Ein Traum eben. Oder eine Utopie. Demgegenüber waren die Katastrophenfamilien in dunklen Farben (häufig Schwarz) gehalten, mit deutlichen Trennungssymbolen (Striche, Zäune, Blitze, Kreuze). Oftmals ist es wohl so, dass betroffene Familien gar nicht in Traumbildern (mehr) denken können, der Katastrophenfamilie hingegen viele eigene Anteile beifügen. So traurig das für die betroffenen Familien ist, umso wichtiger finde ich, dass für die empfundene Katastrophe im Rahmen einer Mediation behutsam eine Sprache gefunden werden kann. Die entsprechenden Bilder können hierfür als Grundlage dienen, auf die im Verlaufe einer Klärung bei Bedarf wieder eingegangen werden kann.

Genogramm-Arbeit

Im Weiteren lernte ich eine sehr eindrucksvolle Methode kennen, mit der mittels einfacher Symbole und Beziehungslinien Familienkonstellationen dargestellt werden können. Hier können über Generationen hinweg (zufällige) Familienmuster sichtbar gemacht werden. Diese Übung war deshalb für mich bedeutsam, weil ich anhand meines eigenen Genogramms begriff, warum ich oftmals das Gefühl habe, dass Erwartungen mich teilweise erdrücken. Ich konnte mithilfe der entstandenen Muster die Ambivalenz erkennen, die mich immer wieder Kräfte kostet, nämlich: einerseits den Großeltern zwei fröhliche Enkelkinder geschenkt zu haben, andererseits jedoch ein anderes Familienmodell als sie selbst zu leben. Diese Einsicht ist nicht spektakulär und keinesfalls neu, aber in der Klarheit und an jenem Abend befreiend!

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Aufstellungsarbeit

Eine andere, nicht unumstrittene Methode, die uns im Seminar nahe gebracht wurde, ist die Familienaufstellung nach Hellinger. Hierbei geht es darum, dass Personen stellvertretend für eine Familienkonstellation im Raum aufgestellt werden und durch Nähe und Distanz Familienmuster buchstäblich „körperlich“ erspüren. Durch wenige Impulse kann der Aufstellungsleitende eine mutmaßliche Kommunikation zwischen den Familienmitgliedern initiieren, die erstaunlicherweise vielfach Ähnlichkeit mit der tatsächlichen Familiengeschichte hat. 

Ich habe mich bei dieser Übung als „Mutter“ der zu repräsentierenden Familie zur Verfügung gestellt. Eine Wahl, die offensichtlich nicht ganz zufällig auf mich fiel. Jedenfalls war ich überrascht und ein wenig elektrisiert, welche Intensität diese Übung verursachte und mit welcher Konzentration alle Beteiligten zu Gange waren. Das war ausgesprochen beeindruckend und erkenntnisreich. Der Vollständigkeit halber sei hier erwähnt, dass dieses Verfahren von Kritiker*innen oft wegen seiner Psychodynamik gescholten wird. Ich selbst bin mir unsicher, ob ich zum jetzigen Zeitpunkt meine eigene Familie aufstellen lassen würde. Gleichzeitig ist dieses Verfahren inzwischen sehr angesagt als „Strukturaufstellung“ in Unternehmen, da offensichtlich innerhalb kurzer Zeit Strukturen und dahinterliegende Beziehungen sichtbar gemacht werden können.

Materialien für Familienaufstellungen #Mediation #Familie

Ein von @lernbegleiterin gepostetes Foto am

Weniger psychomäßig, dafür sehr anschaulich ist die so genannte „Materialaufstellung“. Hierbei werden mit Holzfiguren, Playmobil und sonstigen Alltagsgegenständen Konflikte oder Beziehungen zwischen Personen visualisiert. Dies ist sehr anschaulich und hat einen hohen Aufforderungscharakter. Diese Methode bietet sich m. E. sehr gut an, wenn Konfliktparteien ganz und gar nicht mehr sprechen können und auch nicht so aussehen als würden sie bereitwillig ein Bild malen. „Wählen Sie einen Gegenstand, der Ihren Konflikt symbolisiert.“ „Stellen Sie je Ihre Beziehung mit Gegenständen dar.“ „Suchen Sie 3 Gegenstände, die Sie heute als Themen mit uns besprechen, und wofür Sie in Zukunft Lösungen finden wollen.“ – sind mögliche Impulsfragen, mit denen man in eine solche Materialaufstellung einsteigen könnte. Möglich ist die Geschichte einer Beziehung chronologisch (Timeline) aufstellen und Zäsuren (Heirat, Kinder, Jobwechsel, Tod von Angehörigen) symbolisch markieren zu lassen.

Grundsätzlich bin ich schwer begeistert von dieser Methode, weil sie praktisch ist und dennoch Tiefe zulässt. Ich kann mir auch gut vorstellen, mithilfe von Sportmaterialien (Keulen, Ringe, Springseile, Reifen, Bälle) Streit-/Konfliktpunkte unter Schüler*innen aufzustellen. Ich mag daran das Prozesshafte, und dass der Einstieg in eine mögliche Klärung nicht zwingend über ein Gespräch erfolgen muss. Stimmung, Körpersprache, Anspannung – all das ist bei dieser Methode so viel besser beobachtbar.

Trennungs- und Scheidungsmediation

Am letzten Tag des Seminars ging es noch einmal explizit um Trennungs- und Scheidungsmediationen, insbesondere um die Rolle der Kinder. Hierzu führten wir eine Übung durch, die die Tragweite des Wechselns an den Umgangstagen und -wochenenden besonders deutlich machte.

In 4er Gruppen waren wir aufgefordert ein beliebiges Gespräch zu führen. 3-4 Minuten lang. In meiner Gruppe ging es ums Kochen. Nach der vereinbarten Zeit nahm die Kursleiterin je einen Teilnehmenden aus der Gruppe und schickte ihn zur nächsten Gruppe. Das geschah sehr plötzlich und unterbrach unser Kochgespräch jäh. Gleichzeitig kam ein Jemand aus der Nachbargruppe – sichtlich irritiert  – zu uns hinzu. Weil wir eine höfliche Gruppe waren, befragten wir ihn zunächst nach seinem Gesprächsthema, um dann alsbald zu den Kochrezepten zurückzukehren. Nach wiederum 3-4 Minuten unterbrach die Leiterin abermals und unterbreitete den „Wechselmenschen“ folgendes Angebot. Sie dürften jetzt entscheiden, ob sie in der „neuen“ Gruppe verbleiben oder zurück in die alte Gruppe wechseln wollen. Auch dieser Moment war – so ganz ohne Vorwarnung – zutiefst irritierend. Unser Gast entschied sich für das „Zurückwechseln“, was wir in der anschließenden Reflexion als gefühlte Ablehnung benannt haben. Gleichzeitig wurde die Bürde, eine Entscheidung für oder gegen eine Gruppe fällen zu müssen von den „Wechselmenschen“ als unangenehm beschrieben. Es war eine simple und zugleich eindrucksvolle Übung, um die Zerrissenheit von Kindern nachspüren zu können, wenn sie sich zwischen Mutter oder Vater entscheiden müssen.

Aus meinem eigenen Patchworkleben weiß ich, dass beides zutrifft. Die Kinder leiden ungemein unter einer Trennung und wünschen sich mitunter noch sehr lange, dass ihre Eltern wieder zusammenkommen. Gleichzeitig habe ich die Kinder – in dem Fall die beiden Söhne meines Mannes – als sehr anpassungsfähig erlebt. Sie entwickeln Bewältigungsstrategien, um mit dem Schmerz und Verlust auf der einen Seite und der Pragmatik des Lebens auf der anderen Seite umzugehen. Hier ließe sich so Einiges von den Kindern lernen. 

Bildnachweis: pixabay Romi

Bildnachweis: romi pixabay.com

Um den Wechsel von einem Haushalt in den anderen alltagstauglich und dennoch behutsam zu begleiten, haben wir damals (wohl eher zufällig) ein Ritual entwickelt. Es bestand darin, dass es alle 14 Tage am Freitag zum Abendbrot „Nudeln mit Bolognese Sauce“ gab. Anfangs für die damals 8 und 5jährigen kindgerecht ohne Gewürze. Später gab es die Version leicht gesalzen. Noch später kamen Knoblauch, Schmand und Basilikum dazu. Knoblauch mussten wir in der Teeniezeit wieder weglassen, wenn die Jungs abends noch um die Häuser zogen. Dieses Ritual, diese fast 10 Jahre wiederkehrende Regelmäßigkeit hat uns – so würde ich rückblickend sagen – den Einstieg in die Umgangswochenenden ungemein erleichtert.

Inzwischen wird wieder gehackepetert und mit passierten Tomaten abgelöscht. Nun für die eigenen Kinder. Wir sind momentan bei der leicht gesalzenen Variante. Ab und an sitzen nun die großen Brüder (17 und 20) mit am Abendbrotstisch und belustigen sich über die Tischsitten der Kleinen. Unser Ritual hat sich erweitert. Es ist zu einem zarten Band zwischen erster und zweiter Familie geworden. Dazwischen liegt bedauerlicherweise viel Unausgesprochenes, inzwischen Verschüttetes und in Päckchen Verschnürtes. Nach und nach holen wir einiges hervor – versuchen Vorwürfe in Beobachtungen und Erkenntnisse, Gefühle in Bedürfnisse zu übersetzen. Am besten gelingt uns das bei einer leckeren Pasta Bolognese. Mit einem kräftigen Rotwein auf der einen, einer gekühlten Club Mate auf der anderen Seite. Bislang noch ganz ohne die Hilfe von Mediatoren*innen.

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Ein Kommentar zu “Unter jedem Dach ein Ach

  1. Ein toller Titel, ein Einleitungstext, der für mich mehr Fragen aufwirft als erklärt, eine für mich anschauliche Beschreibung von drei Methoden-Formen und ein Übergang zum Persönlichen mithilfe von Pasta. Toll.

    (Mir fällt auf, dass ich Texte mag, die nicht schon im Titel und Einleitung alles erklärt haben.)

    Solche Rituale, die (eher zufällig und unbewusst) entstehen, sind, aus meiner Sicht, toll, weil sie anpassungsfähig sind und sich im Laufe der Zeit (weiter-)entwickeln können, ohne ihre individuelle/persönliche Bedeutung verlieren zu müssen.

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