Verantwortlichkeiten neu denken, Ressourcen nutzen – mein Rückblick auf den gestrigen Elternabend

Gestern hielt ich meine erste Elternversammlung meiner zukünftigen 7. Klasse ab. Es ist nicht irgendeine 7. Klasse, sondern eine so genannte „Medienklasse“, die an dem Gymnasium, an dem ich arbeite, mit Netbooks lernen wird.

Fast 50 Elternaugenpaare schauten mich erwartungsvoll an und folgten meinen Ausführungen. Elternversammlungen sind für mich keine nennenswerte Herausforderung mehr. Ich habe mir inzwischen einen Stil und eine Haltung angeeignet, mit der ich meine Anliegen bislang gut kommunizieren konnte. Gestern erlebte ich das anders.

Ich erzählte den Eltern gleich nach meiner Vorstellung, dass ich erstmals eine Medienklasse unterrichten werde und insofern keine bis wenige Erfahrungen im Bereich des digitalen Lernens habe. Allerdings – so führte ich weiter aus – würde ich dieses Defizit mit Hilfe der Schüler_innen bald schließen und mit meiner Motivation kompensieren. Der letzte Punkt meiner Erklärung ging jedoch in dem lautstarken Schweigen und der klirrenden Irritation seitens der Eltern unter. Es war ein Bruch in dieser Elternversammlung. 

Glücklicherweise verfüge ich über Techniken solch peinliche Situationen ein Stück weit aufzufangen und zu wenden. Mein Plädoyer für eine konstruktive Zusammenarbeit mit den Eltern erreichte zumindest einige Adressaten. Andere blieben in ihrer Enttäuschung und Fassungslosigkeit zurück. Das drückte sich in entnervten Nachfragen und fehlender Kooperationsbereitschaft aus. 

Elternarbeit, d.h. die Bitte um Unterstützung der Eltern am Schulleben, habe ich bei meinen beiden Ausflügen an Waldorfschulen zu schätzen gelernt. Dort bereiteten Eltern bei diversen schulischen Veranstaltungen und Monatsfeiern einen Traum von Buffet vor – bestehend aus Kuchen, Salaten und Süßspeisen, die in jedem hippen veganen Café in Berlin-Friedrichshain mithalten könnten. Diese Art der Mitarbeit war eine Selbstverständlichkeit. 

In diesem Sinne ansetzend hoffte ich auf ähnliche Synergieeffekte in der Elternschaft meiner künftigen Klasse. Es mag von mir naiv oder gar strategisch unklug gewesen sein, mit diesem Anliegen gleich mit der Tür ins Haus zu fallen. Ich fand es dennoch richtig und es entsprach meinem Bedürfnis nach Unterstützung. 

Möglicherweise liegt es an dem Unterschied zwischen Privat- und staatlicher Schule und den damit verbundenen unterschiedlichen Erwartungshaltungen. Vielmehr glaube ich aber, dass es tatsächlich um das Thema – also digitale Bildung i. w. S., geht, dass dazu führt, dass mir (zunächst) die Bereitschaft der Unterstützung, vielmehr das Einlassen auf mein Anliegen, verwehrt blieb. Während viele Eltern umfangreiche Erfahrungen im Kuchen backen und Salate bereiten haben, ist das Thema „Lernen Web 2.0“ vielen zwar als Schlagwort bereits begegnet, aber in realiter ein Fremdwort geblieben. Vermutlich sahen sie mich als Dolmetscherin für ihre Fragen, Vorstellungen und Pläne. Dass ich ihnen stattdessen von meinem Verständnis als Lernbegleiterin erzählte, enttäuschte sie.

Ich habe infolge dieser für mich unbefriedigenden Elternversammlung viel nachgedacht und meine Erfahrung in die Debatten um Digitale Bildung einordnen wollen. Es wollte mir heute nicht ganz gelingen. Irgendetwas ist schräg an meinen Beobachtungen. Diese Unstimmigkeit liegt meines Erachtens vor allem an der oft bemühten Kritik an Lehrerinnen und Lehrern, die sich weigern, sich mit der Thematik des Lernens unter digitalen Bedingungen auseinanderzusetzen.

Seit gestern meine ich, dass dies nur die halbe Wahrheit ist. In mir wächst die Position, dass sich auch die Eltern an diesem Prozess des Wandels aktiv beteiligen mögen, so wie es meine damaligen Waldorfeltern in Hinblick auf die Verpflegung überwältigend taten. Dieser Blick auf gemeinsame Verantwortlichkeiten speist sich aus meiner Grundüberzeugung, Ressourcen nicht immer nur zu benennen, sondern tatsächlich auch zu nutzen. 

Wenn ich an die vielen Eltern denke, deren Blogs ich zum Thema „Kinder und Erziehung“ lese, dann sehe ich da einen Erfahrungsvorsprung, was Vernetzung und Social Media angeht, den mein Kollegium selbst bei wohlwollender Betrachtung in diesem Leben nicht mehr wird aufholen können. Ich wünsche mir zumindest einen Teil dieser twitternden, bloggenden, instagramenden Eltern in meine Elternschaft, um mit ihnen ganz konkret in Austausch zu treten, mit ihnen zu diskutieren, von ihnen zu lernen. Ich bin mir sicher, dass von dieser Art des Engagements seitens aller an Schule beteiligten Akteure, die Kinder und Jugendlichen am meisten profitieren könnten.

In der Zwischenzeit bleibt mir nur, mein Unbehagen bezogen auf den gestrigen Elternabend in dieses #Neuland reinzuschreiben und auf die gewinnbringenden Effekte zu vertrauen, die ich in den letzten Monaten bereits erfahren durfte.

feedback-Kugel

Ich bin sehr froh und dankbar über das Feedback, was ich hier auf dem Blog und auf Twitter erhalten habe. Es bestärkt mich in meiner Annahme, dass ich meinen eigenen Weg in das digitale Lehren selbstständig finden muss. Die Pauschalforderungen, Lehrer und Lehrerinnen mögen sich im Bereich #Digitale Bildung fortbilden, greift in meinen Augen genauso zu kurz, wie die Forderung nach einem #PflichtfachInformatik. Ich werde versuchen, meine Stärke – die Elternarbeit – gewinnbringend einzusetzen und Ressourcen freizulegen.

 

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4 Kommentare zu “Verantwortlichkeiten neu denken, Ressourcen nutzen – mein Rückblick auf den gestrigen Elternabend

  1. Danke, dass du deine Erlebnisse des Elternabends mit uns teilst. Ich denke, wir haben alle diesen Erfahrungen schon gemacht, wenn es allgemein um Neuerungen ging, im Besonderen jetzt mit digitalem Lernen, neue Medien. Ich denke, viele Eltern kennen nur die „negative“ Mediennutzung ihrer Kinder zuhause und implizieren diese mit der in der Schule. Wir sollen Grundkenntnisse in Word etc. vermitteln, aber bitte nicht googeln („Wieso habt ihr denn eine Schülerbücherei“) oder über Whatsapp kommunizieren („Können Sie der Klasse nicht nicht mal sagen, sie sollen telefonieren?“). Wir Lehrer sind für viele Eltern einfach noch keine „Lernbegleiter“ oder „Moderatoren“ sondern Wissensvermittler und allwissend. Da können sie von ihren Kindern noch viel lernen ; ))
    Dir viel Erfolg auf deinem digitalen (Schul-)Weg, ich gehe ihn mit dir!
    Anna

    • Liebe Anna! Vielen Dank für Deine Begleitung hier und dort! Es läuft sich wesentlich einfacher mit etwas Rückenwind. Aus Deinen Kommentaren nehme ich auch sehr viel mit und erweitere meine „Diskussionsreichweite“. Ich bin selbst gespannt, wie es weiter geht und werde bei Gelegenheit darüber berichten. :)

  2. Durch die Digitalisierung stecken wir derzeit in einem tiefen Kulturwandel – nicht nur, dass sich innerhalb kürzester Zeit die Technologien des Alltags ändern – nein, es sind auch Veränderungen im Arbeitsleben, im Umgang mit Kommunikation, in der Verschiebung von Verantwortlichkeiten und im Umgang mit Lernen. Noch sind wir in einer Phase in der wir versuchen, Lösungen und Wege zu finden, wie wir mit der Veränderung klar kommen und hecheln den sich schnell verändernden technologischen Anwendungen hinterher.
    Ich denke, dass es richtig ist, die Eltern mit ins Boot zu nehmen. Die Rolle der Lehrer verändert sich durch die Digitalisierung, aber auch die der Eltern. Wir müssen gemeinsam an der Wissensvermittlung bzw. am Wissensmanagement arbeiten. Die Reaktion der Eltern an dem Abend zeigt aber auch, dass sie selber auch ihre Schwierigkeiten mit der Digitalisierung und des damit verbundenen Kulturwandels haben. Sie wünschen sich, dass jemand ihnen sagt, in dem Fall der Lehrer, wie man es richtig macht. Sie wünschen sich bereits eine fertige Lösung. Doch dies gibt es (noch) nicht und wird es vielleicht auch niemals geben.
    In den Unternehmen wird heute in agilen Projektgruppen gearbeitet – zusammen mit sämtlichen Stakeholdern arbeitet man an den Projekten, an Vorgehensweisen, Inhalten und Lösungen. Die Kultur des gemeinsamen Arbeitens verändert sich. Deshalb müssen sich die Schulen, aber auch Lehrer und Eltern, öffnen und ein neues gemeinsames Zusammenarbeiten definieren. Es geht nur gemeinsam!

    @Lernbegleiterin: Sie sind auf dem richtigen Weg – seien Sie beharrlich und gehen Sie in weiter so!

    • Wow, das ist ja eine präzise Analyse als Antwort auf meine Erlebnisse auf dem Elternabend. Sie legt aber in vielen Bereichen den Finger in die Wunde. Vielen Dank für die Ausführungen und vor allem für’s Mutmachen!

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