„Was habt ihr gemacht?!“

Gestern besuchte ich mit einer Freundin eine Lesung der Publizistin und Friedenspreisträgerin Carolin Emcke, in der sie ihr neues Buch – „Gegen den Hass“ – vorstellte. Die Freundin, deren Wiegenfest wir auf diese Weise mit einem Koranischen Essen und der anschließenden Buchpräsentation feierten, kannte Carolin Emcke nicht. Mir selbst ist sie nur aus den Kolumnen der Süddeutschen Zeitung bekannt und begegnete mir in den letzten Wochen eher zufällig, als ich ihre berührende Rede anlässlich der Eröffnung der Ruhrtriennale sah. Ich las so ziemlich jeden Artikel, der mir in den freien Minuten jenseits des #LebensmitKindern unter die Finger kam. Ich war von ihren Texten in doppelter Hinsicht begeistert: a) von der Klarheit und Überzeugungskraft ihrer Sprache und b) von den Anschlussmöglichkeiten hinsichtlich meiner eigenen Themen, die mich aktuell umtreiben.

Zunächst ist es so, dass ich die Arbeit von Carolin Emcke schlichtweg überzeugend finde. Dazu kommt diese wunderbare Mischung aus scharfer Analyse und spürbarer Empathie. Jeder Satz, den Emcke ausspricht, ist durchdacht und abgewogen; zielt nicht auf irgendeinen Effekt, sondern dient der Erkenntnis. Ich mag das. Ich mag es auch, wenn ich beim Zuhören die Konzentration körperlich spüre. Wenn ich mich anstrengen muss, um den Gedanken in seiner Tragweite zu begreifen. Ich mag es, wenn es mir beim Lauschen einer Lesung oder eines Vortrages nicht leicht gemacht wird. Wenn ich merke, es geht um ETWAS.

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So war es auch gestern in der Schaubühne, dem Wohnzimmer von Emcke, wie ich erfuhr. Tatsächlich war bereits bei der Begrüßung klar, dass der Abend ein Heimspiel werden würde. Ein Heimspiel am letzten Spieltag, wenn ohnehin die Meisterschaft schon gewonnen ist. Es war eine schöne, eine gönnende und zugleich stolze Stimmung im Saal. Nach einer kurzen Einführung durch den Moderator begann Emcke mit dem Einführungskapitel des Buches, das interessanterweise von „Liebe“ handelt. Eine gute Vorbereitung, um die schwerwiegenderen Passagen auszuhalten. Zwischendurch wurde über das Buch, dessen Zustandekommen und die Reaktionen gesprochen. Hier ergab sich der Raum für die feine Ironie, für gezielt gesetzte, aber leise Lacher. Kleine Momente der Entspannung, die es braucht, um weiterhin konzentriert bei der Sache zu bleiben.

In einem dieser Gespräche zwischen den Lesepassagen, rekonstruierte Emcke, ihre Motivation für das Schreiben dieses Buches. Sie lässt sich komprimieren auf die Frage „Was habt IHR gemacht?!“ Was habt ihr gemacht in der Zeit, in der das gesellschaftliche Klima geprägt wird von diesem zur Schau getragenen „Exhibitionismus der Kaltherzigkeit“, in der Zeit, in der „Sorge als Schutzschild für Rassismus“ dient, in der Zeit, in der die Verrohung der Sprache in den „Echokammern“ der sozialen Netzwerke eine abscheuliche Normalität annimmt. 

Emcke hat sich mit dieser Frage insofern auseinandergesetzt, als dass sie einräumt, sie könne nichts anderes außer Schreiben. Wieder einer dieser feinen Lacher. Also schreibe sie gegen den Hass an, analysiert ihn, deckt „Raster der Wahrnehmung“ auf, erarbeitet sich und Leser*innen eine Klarheit, mit deren Hilfe – so empfunden – wieder ein wenig Handlungsfähigkeit entsteht. Mich hat ihre Antwort überzeugt und gleichsam mit der eigenen Beantwortung der Frage „Was habt ihr gemacht?!“ allein gelassen.

Erst im Laufe des heutigen Tages dämmert mir, dass mein gesellschaftliches Engagement eng mit meinem Beruf zusammenhängt. Dass das, was ich unter Bildung in Schule praktiziere, das ist, was ICH am besten kann. Ich kann beispielsweise Schülern und Schülerinnen gut zuhören, im und außerhalb des Unterrichts Gespräche zulassen bzw. initiieren. Ich kann unbequeme Fragen so stellen, dass es eine Möglichkeit gibt, sich auf die gedankliche Suche zu machen; dass sie einladend, nicht ablehnend wirken. Ich behaupte, dass ich ein Gespür für Stimmungen habe, und dass es mir nicht egal ist, wenn die schüchterne Lilly, zwar mitdenkt, sich aber nicht mitzuteilen traut. Dann suche ich nach Wegen, um die Kommunikation im Kurs oder in der Klasse neu zu verhandeln. Ich kann Stille und Peinlichkeiten aushalten. Und ich kann (inzwischen) Sprachlosigkeit thematisieren. Außerdem bin ich begeisterungsfähig. Ich kann mich auf neue, noch nicht zu Ende gedachte Gedanken einlassen. Ich habe Freude daran, mit Jugendlichen in Austausch zu treten, ihre (gedanklichen) Weg nachzuvollziehen, sie ein Stück zu begleiten. 

Wenn meine Kinder mich also dereinst fragen werden, was ich gemacht habe, als das gesellschaftliche Klima den Bach herunterging, dann werde ich etwas trivial antworten. Ich habe einfach meine Arbeit gemacht. Und zwar gern! 


 

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