„Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.“

Diese pampige Antwort von Helmut Schmidt auf eine dusselige Frage, die er nikotingeschwängert seinem Interviewpartner ins Gesicht pustet, lässt mich an meine Anfangsjahre als Referendarin (2007) zurückdenken. Obwohl Ü30 und mit 14 Semestern Hochschulerfahrung beladen habe ich in dieser Zeit die eine oder andere Vision in Bezug auf Unterricht realisiert – ganz ohne ärztliche Hilfe; lediglich mit einer großen Portion Schaffenskraft, Unbekümmertheit und freier Zeiteinteilung.

Seit dieser Zeit und erst recht mit meiner Mutterschaft (2010, 2014) hat sich das mit den Visionen ein wenig relativiert. Nicht zuletzt deshalb, weil ich mir als Lehrerin und als Mutter bereits diverse Krisen in meinem Schaffen gegönnt habe. Während ich anfangs an den Symptomen herumdokterte, wird mir inzwischen immer deutlicher, dass es ähnliche und wiederkehrende Themen oder Problemfelder sind, die mich gern zu Unzeiten aus der Kurve schleudern lassen.

System Schule

Quelle: elizabethaferry pixabay.com

Als Lehrerin hadere ich in regelmäßigen Abständen mit dem System, in das Schule und Bildung einzementiert scheinen. Ich fühle mich in meiner Arbeit eingeschränkt, bisweilen boykottiert, wenn administrative Notwendigkeitsargumente meine pädagogischen Überlegungen ad absurdum führen. Das frustriert und demotiviert mich. Außerdem bin ich zu ungeduldig, was den Veränderungsprozess von Schule angeht: von einer autoritären Anstalt hin zu einem von vielen Lernorten für Kinder und Jugendliche. Weil ich Schule noch oft als hierarchisch und machtbesetzt empfinde, lege ich großen Wert auf gute Kommunikation und Transparenz, Anerkennung und Wertschätzung. Bleiben sie (für längere Zeit) aus, gerate ich ins Schleudern. Das ist mir nun schon einige Male so passiert. Es fühlt sich auch jedes Mal unschön an, aber glücklicherweise habe ich inzwischen ein gutes Self-Management entwickelt, mich gar nicht erst so tief in die „Frustspirale“ hineinzubegeben. Auf therapeutische Kompensation über mehr Engagement oder bessere Stundenvorbereitungen kann ich derweil verzichten. 

Mutterrolle

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Ähnlich verhält es sich mit meiner Mutterrolle. Ich bin gern Mutter und habe Freude an der Betreuung meiner Kinder und deren Freunden_innen. Und dennoch gerate ich dann und wann an meine Grenzen, insbesondere wenn die Vereinbarkeitskeule mal wieder zuschlägt. Dann schimpfe ich auf die Politik, die zu wenig kinderfreundliche Gesellschaft, das Wetter undsoweiterundsofort. Auch dann schleicht sich dieser kleine fiese Destruktionsteufel ein, der mich so malträtiert, dass ich meine Interessen und Bedürfnisse kaum noch spüre. Das gipfelt mitunter in einem Zustand, in dem meine innere Haltung ganz zu kippen droht. In Phasen dieser Überforderung konsumiere ich dann Anti-Erziehungsratgeber, befrage meine Freundinnen oder lasse mich durch das Internet therapieren.

Kurzum: bei all meinen (Luxus-) Problemen – ob beruflich oder privat – geht es mehr oder minder um das gleiche Thema. Wie kann es mir gelingen, meine Interessen und Bedürfnisse mit meiner Umwelt so in Einklang zu bringen, dass ich es als gelingend empfinde. Oft hilft mir dabei, dass ich mich, in dem was ich tue – als Lehrerin und Mutter – gesehen fühle, Anerkennung und Wertschätzung spüre. Das kann in unterschiedlichen Situationen je etwas anderes bedeuten. Wichtige Rahmenbedingungen sind jedoch: wertschätzende Kommunikation, eine gewachsene Feedbackkultur und der angstfreie Umgang mit Veränderung.

Ich arbeite in einem tollen Beruf und lebe zusammen mit einer wunderbaren Familie. In diesen beiden Kontexten kann ich – falls ich das möchte – mir jeden Tag ein kleines Visiönchen und dessen Scheitern gönnen. Einen Arzt brauche ich schon lange nicht mehr, denn ich habe entschieden – ich gelte als austherapiert. Das ist eine tolle Erkenntnis und ein tragfähiges Motto für den Moment!

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