Windmühlenkämpfe

Die ersten Wochen des neuen Schuljahres sind angelaufen. Es sind die ersten Wochen nach meiner zweijährigen Elternzeit. Einer Auszeit, in der ich vieles über meinen Beruf, mein Verständnis von Schule und Bildung und meiner Rolle in diesem System begriffen habe. Es waren anstrengende erste Wochen. 

Es kostet mich viel Kraft zu verstehen, warum ich mich – wider besseres Wissens – in eine Negativspirale katapultiert habe. Das meiste von dem, was ich in den letzten Wochen an meinem Arbeitsplatz erlebt habe, fühlt sich an wie ein Kampf gegen Windmühlen. Eine Zusammenfassung:

1. Akt

Das erste Arbeitstreffen nach der Sommerpause findet im Fachbereich Geschichte statt. Auf der Agenda steht das Vorhaben, Maßnahmen zu erarbeiten, wie wir in unserem Geschichtsunterricht generell auf die Sprachentwicklung von Schüler*innen einwirken können. Das verlangt der neue Rahmenlehrplan von allen Schulen, und so brauchen auch wir eine Lösung. Am besten eine schnelle, ohne viel Aufwand. 

Es schlägt die Stunde der Pragmatiker. Jene, die ohnehin schon immer die Suspendierung der Orthographie beklagen. Sie berichten von grandiosen Erfolgen – bezogen auf die Rechtschreibung – indem sie schriftliche Leistungsüberprüfungen im Fach Geschichte auf Rechtschreibung bewerten. Das heißt, wer eine gewisse Fehleranzahl überschreitet, muss mit einer Herabsetzung der Geschichtsnote rechnen. Klasse, denke ich. Abschreckung hilft immer. 

Ein Teil der Kollegen*innen ist begeistert, der andere hat noch nicht begriffen, worum es geht. Ich sitze da und werde unruhig. Was angeblich nur dem Erfassen eines „Stimmungsbildes“ gilt, wird sich in den nächsten Monaten zu einem Beschluss verdichten, ohne dass tatsächlich darüber gesprochen, diskutiert bzw. in anderen Perspektiven gedacht wurde. In das selbstgefällige Protokollieren des ersten Tagesordnungspunktes hinein frage ich, wie konkret auf diese Weise gewährleistet wird, dass die Schüler*innen in unserem Geschichtsunterricht in Hinblick auf die Richtigkeit der deutschen Schriftsprache gefördert werden. Das nämlich fordert der neue Rahmenlehrplan in Berlin. Es herrscht betretenes Schweigen. Ich gucke in hilflose Gesichter. Ich meine, dieser Punkt geht auf mein Konto. Immerhin. 

2. Akt

Eine Stunde später sitze ich in der Jahrgangskonferenz der 7. Klassen. Es geht um Abstimmung und Selbstvergewisserung aller Fachkollegen*innen, die in diesem Jahrgang tätig sein werden. Es wird über Strichlisten und vergessene Hausaufgaben, über Ordnungsdienste und Handyverbote gesprochen. Ich lasse den Wortschwall über mich ergehen und nehme einen kräftigen Schluck Wasser aus meiner Trinkflasche. An diesem Tag sind über 30Grad. Das nur vorab.

Bildnachweis: evitachol pixabay.com

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Irgendwie kommen wir auf das Thema „Trinken im Unterricht“. Und in diesem Zusammenhang natürlich auf die Frage, dürfen Schüler*innen im Unterricht auf die Toilette gehen. In der nächsten halben Stunde geht es um Erziehung und Anstand, um Störungen und den Niedergang des Abendlandes. Ich denke an diesen brillanten Text von Anselm Maria Sellen „Sorgenkinder“ und verspüre das tiefe Bedürfnis, das Lehrerzimmer mit diesem Text zu tapezieren. 

Nach einem weiteren Schluck aus meiner Wasserflasche melde ich mich zu Wort. Ich räume ein, dass ich mich in vielen Dingen einer Loyalität der Schule und den Kollegen*innen verpflichtet fühle. Wenn es aber um die Erfüllung von Grundbedürfnissen geht – wie etwa seine Notdurft in Würde verrichten zu können – dann brauche ich an dieser Stelle das Verständnis, dass ich in diesem Punkt nicht mitgehen kann.

Schüler und Schülerinnen dürfen weiterhin bei mir auf die Toilette gehen und in geeigneten Phasen des Unterrichts trinken. Ich werde mit ihnen besprechen, was ich brauche, damit ich guten Unterricht machen kann, was ich als Störung empfinde, und an welchen Stellen ich Rücksichtnahme benötige. Ich habe mit diesem Vorgehen bislang gute Erfahrungen gemacht. Ich sehe keine Notwendigkeit, dies zu ändern.

3. Akt

Der Konferenzmarathon schließt mit der Fachkonferenz Sport. Es ist der erste Moment, in dem ich mich etwas entspannen kann. Die verstaubten Pokale unseres Sportlehrerzimmers zwinkern mir aufmunternd zu. Als ich gerade das zweite Stück Schokolade in meinen nach Kohlenhydraten gierenden Körper schieben möchte, höre ich dieses Reizwort.

 

Hier endet mein Bericht über den Kampf mit meinen persönlichen Windmühlen. Ich habe 3 Wochen und etliche Gespräche hier und dort gebraucht, um aus meinem Motivationsloch zumindest wieder hervorzugucken. Ich überlege vielfach, wie ich die Grundbedingungen an Schule für mich so gestalten kann, dass ich nicht jedes Mal vor Fassungslosigkeit den Boden unter den Füßen verliere. Ich nehme mir vor, ein dickes Fell wachsen zu lassen und oder meine Ohren auf Durchzug zu stellen. Ich akzeptiere jedoch, dass ich diese Kompetenz (noch) nicht beherrsche. Ich einige mich mit mir darauf, dass ich meine Windmühlenkämpfe nicht ausschließlich als Niederlage begreife. Auch ich bin ab und zu pragmatisch. 

 

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